BIT - Feuilleton  
ERT
Jimmy Scott

Einzigartig

Man sollte ja vorsichtig sein mit dem Begriff Ausnahmesänger. In diesem Fall ist er jedoch mehr als angebracht. Allein schon mit dieser ungewöhnlichen Stimme zwischen Falsett und Sopran ragt Jimmy Scott aus der Riege der bedeutenden Jazz-Sänger heraus. Die Brüchigkeit der Stimme verbietet es allerdings, ihn als Countertenor zu bezeichnen. Hinzu kommt dieses Talent, eine unaufdringliche und dennoch tief ergreifende Emotionalität in den Gesang zu legen. Unterstrichen wird die charakteristische Performance des Jimmy Scott auf dem aktuellen Album noch durch das altersbedingte raue Timbre, das an die großartige Abby Lincoln erinnert.

Jimmy Scott stammt aus der Ära von Billie Holiday, Charlie Parker und Lionel Hampton, mit denen er zusammen im Studio war. Er verfügte über eine auf das Wesentliche reduzierte sehr gefühlvolle Gesangsperformance. Ursache dafür war eine seltene Erbkrankheit, das Kallmann-Syndrom, wodurch seine Pubertät und damit sein Stimmwechsel ausfiel. Leider, vermutlich weil er auch keinen gewieften Manger an seiner Seite hatte, blieb sein Talent zumeist im Hintergrund. Immerhin brachte er in den 60er Jahren unter der Regie von Ray Charles einige Alben heraus. Erst in den 90er Jahren konnte er seine Karriere fortsetzten, erzielte jedoch nie die ihm aufgrund seines außergewöhnlichen vocalen Ausdrucks zustehende angemessene Aufmerksamkeit.

Erst der deutsche Musikproduzent und Bewunderer von Jimmy Scott, Ralf Kemper, nahm sich vor, dem Sänger zu Lebzeiten ein an musikalischer Qualität üppiges Album zu ermöglichen, das dem unnachahmlichen Gesangsstil von Jimmy Scott voll auf gerecht wird. Dazu lud er zusammen mit Jimmy Scott eine Reihe prominenter Begleitmusiker ein, die bewiesen haben, dass sie mit besonderer Sensibilität ans Werk gehen können: Der Weltklassepianist Kenny Baron, der Superdrummer Peter Erskin, die Trompeter Till Brönner und Joey Defrancesco, der Bassist Michael Valero sowie Bob Mitzer und James Moody am Tenorsaxophone bzw. Saxophon und das legendäre HBR Studio Symphonie Orchester aus San Franzisko. Gesanglich begleitet wird Jimmy Scott bei einigen Titeln von Renee Olstaed und der Grand Dame des Jazz Dee Dee Bridgewater. Die Veröffentlichung des Albums konnte Jimmy Scott nicht miterleben. Er starb kurz nach Beendigung der Aufnahmen am 12. Juni 2014 im Alter von 88 Jahren infolge eines Kreislaufstillstands.

„I Go Back Home“ ist ein zutiefst berührendes Album, das die teilweise tragische Lebensgeschichte von Jimmy Scott erahnen lässt. Der zerbrechliche Gesang lässt eine emotionale Tiefe durchscheinen, die eine Essenz seines Lebens zu sein schien. Präsentiert wird das Album im Schuber mit hervorragend gestaltetem Booklet, das die Ehrerbietung auch optisch unterstreicht. „I Go Back Home – A Story About Hoping And Dreaming“ enthält 12 wunderbare von Jimmy Scott selbst ausgewählte Songs, glänzend arrangiert und von hochkarätigen Musikern begleitet. Unbedingt hörenswert. Label: River Records, 2017.

Jacques Ziegler
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