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BIT November 2009 Seite: 74
Management meets Jazz, Jazzonomics Teil I
Impulse für Unternehmen
Der Jazz sei „brotlose Kunst“, heißt es oft. Zu voreilig, denn er kann einen gewinnbringenden Nutzen für die Wirtschafts- und Unternehmenswelt leisten: Jazzonomics zeigt, wie Gestaltungs- und Handlungsprinzipien aus dem Jazz auf die Anforderungen in Unternehmen übertragen werden können.
Veränderungswille, Entwicklungsstreben, Innovationsdenken und Schöpferdrang – so lauten heute vor allem die Anforderungen an die Unternehmen. Und genau das sind auch ständige Ansprüche an Jazz-Musiker, mit denen sie spielerisch und wie selbstverständlich umgehen. „An der Spitze des Wandels zu stehen“, ist laut Peter Drucker, Ökonom und Pionier der modernen Management-Lehre, das oberste Unternehmensziel der Gegenwart.
Erfolgreich zu sein bedeutet deshalb vor allem eines: kreativ, visionär und innovativ zu sein. Und das machen Jazz-Musiker vor – wie der berühmte Trompeter und Bandleader Miles Davis. Er gilt Managern deshalb als Vorbild, weil er von sich und seiner Band unaufhörlich neue Ideen einforderte. Miles Davis besaß Visionen und ein Gespür für neue Entwicklungen und Trends. Als Schöpfer der Stile Bebop, Cool Jazz, Modaler Jazz und Rock Jazz beschritt er viermal innovative Wege und legte so den Grundstein für epochale Veränderungen in der Jazz-Geschichte. Gerade in der Hightech-Branche ist diese Tugend, stets „up to date“ zu sein, unverzichtbar und Voraussetzung für längerfristiges Überleben der Unternehmen.
„Play something different, man. This is jazz, man“, war der Leitspruch des Bandleaders und Bassisten Charles Mingus. Nachahmen und Routine verboten. Der Jazz ist geprägt durch eine funktionierende Innovationskultur: Das Selbstverständnis der Musiker, die Art, wie sie im Team agieren, wie sie mit musikalischem Material produktiv arbeiten, der Stellenwert des Einzelnen im Kollektiv, die Art und Weise, wie Jazz-Musiker im Spiel miteinander kommunizieren, wie Jazz-Ensembles von Bandleadern geleitet werden und wie sie organisiert sind – all das gibt den Ausschlag für Entwicklung und Fortschritt im Jazz.
Ein Beispiel für das Leitbild „play something different!“, welches im Arbeitsvertrag des Jazz-Musikers fest verankert ist, ist der Umgang mit Jazz-Standards. Hier wird die Innovationskultur des Jazz deutlich. Standards sind „Klassiker“, die fest ins Repertoire von Jazz-Musikern eingegangen sind. Sie basieren auf einer charakteristischen Melodie und Harmoniefolge. Oft stammen diese Melodien aus der Broadway-Musik oder aus populären amerikanischen Schlagern.
Anspruch an den Jazz-Musiker ist es nicht, den Standard immer gleich zu interpretieren oder gar nachzuspielen, nein, sondern ihm einen individuellen, charakteristischen Stempel aufzudrücken. Der Standard muss anders klingen als jener des Kollegen oder Mitbewerbers. Eine neue, noch nie gehörte Version muss entstehen. Plagiate verboten. Die Individualität des Musikers, seine persönliche Stimmung und Spielhaltung, sein musikalischer Background (also: handwerkliche Fähigkeiten und musikalische Einflüsse), die vorherrschenden Musikstile seiner Zeit, sowie die Umstände und der Moment des Spiels – all das sind Faktoren, die ausschlaggebend für die Neugestaltung des Stückes sind. Die Jazz-Improvisation ist dabei das Produktionsmittel für das unaufhaltsame Streben ins Neue.
Die rasante Jazz-Entwicklung beweist, dass eine Innovationskultur der Garant für Fortschritt ist. In ca. 110 Jahren, nahezu in Dekaden, sind vom New Orleans Jazz bis zum heutigen Multistilismus rund zehn Jazz-Stile entstanden. Für eine ähnliche Entwicklung brauchte die abendländische Kunstmusik, die auf Komposition, Regeln und Plan basiert, rund 350 Jahre. Der Jazz-Standard zeigt ganz nebenbei auch, dass nicht nur „echte Innovationen“ erfolgreich und wegweisend sein können, sondern auch solche, die eine vorgegebene Basis neu und anders interpretieren.
Innovationskultur – dieser Begriff ist übrigens keine Erfindung des Jazz. Ich habe diesen von Jürgen Jaworski, dem Geschäftsführer des Multitechnologiekonzerns 3M Deutschland GmbH entlehnt. Er sagt: „Eine funktionierende Innovationskultur ist auch in Unternehmen eine notwendige Grundlage für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln.“
Und der Mitarbeiter, diejenigen also, die das „Stück“ gestalten, sollten dabei – wie im Jazz – im Fokus stehen. 3M lebt diese Philosophie erfolgreich. Der Global Player zählt zu den weltweit innovativsten Unternehmen.
Marco Ostrowski
Marco Ostrowski ist Musikwissenschaftler, Kunst-Manager und zugleich verantwortlicher Produkt-Manager des Jazzlabels ACT Music + Vision in München. Der Autor dieses Beitrages bietet Unternehmen Vorträge und Workshops zum Thema Jazzonomics an. Jazzonomics bedeutet, Jazz als Impulsgeber für die Wirtschaft zu nutzen. Die Idee ist erstmals zu Beginn der 1990er-Jahre unter der Bezeichnung Jazz-Metaphor in das Interesse von interdisziplinär denkenden Betriebswirten und Wissenschaftlern gerückt. Jazzonomics baut auf diesen Erkenntnissen auf, geht aber einen Schritt weiter: Das Konzept versteht sich als eine umfassende Management-Haltung, die konkrete Übertragungsmöglichkeiten für Unternehmen anbietet und Anwendungsbereiche für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln aufzeigt.
Kontakt und Anfrage: marco_ostrowski@hotmail.com.
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