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BIT September 2009 Seite: 136
Management meets Jazz
Für mehr Agilität

Was kann Management vom Jazz lernen? Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbands Bitkom, beschäftigt sich mit dieser Frage seit vielen Jahren. Er ist passionierter Jazz-Musiker, Gründer und Aufsichtsratvorsitzender der IDS Scheer AG und leitete 30 Jahre lang das Institut für Wirtschaftsinformatik (IWi) an der Universität des Saarlandes. Zudem ist er Sponsor der Jazz-Professur an der Musikhochschule des Saarlandes und tritt in verschiedenen Formationen u. a. auch mit international bekannten Stars der Jazz-Szene auf.

Foto: Jean M. Laffitau
Herr Prof. Scheer, Sie sind Verfechter der „Jazz-Metapher“. Was bedeutet dieser Begriff?

Prof. Dr. Scheer: Jazz-Musik steht für Autonomie des Musikers beim Improvisieren, Leidenschaft zur schöpferischen Leistung, Risikobereitschaft zur Erforschung neuer Möglichkeiten und intensives Zuhören der anderen Gruppenmitglieder. Dieses sind Eigenschaften, die auch in unserer heutigen Unternehmenswelt gefragt sind. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich ernsthafte Sozialpsychologen mit der Gruppenpsychologie von Jazz-Bands beschäftigen, um daraus für andere Bereiche zu lernen.

In vielen Unternehmen wird hirarchisch entschieden. Führt Management by Jazz in den Unternehmen nicht zu Unruhe und Chaos?

Scheer: Es gibt keine allgemeingültig richtige Organisationsstruktur, sondern sie ist immer zweckbezogen. Hierarchische Organisationsformen sind effizient bei klar definierten und sich häufig wiederholenden Tätigkeiten. Bei kreativen Tätigkeiten sind dagegen Teamorganisationen mit flachen Hierarchiestrukturen und Freiräumen für den Einzelnen sinnvoller. Trotzdem müssen auch hier gewisse Koordinationsregeln gelten, damit die Arbeitsergebnisse des Einzelnen zum Gruppen­ergebnis passen.

Sollte man also mehr von einem organisierten Improvisieren als von einem improvisierten Organisieren ausgehen?

Scheer: Im Jazz hat man genau eine solche minimale Regelform gefunden. Dazu gehört z. B., dass sich alle Musiker an die harmonische und rhythmische Form des vereinbarten Themas halten. Beim Freejazz ist für viele Jazzhörer das Verständnis für die Regeln verlorengegangen und sie haben die Musik als chaotisch empfunden. Generell besteht aber im Jazz ein Gleichgewicht zwischen
Regelungsbedarf und hoher Freiheit. Hieraus können auch Managementteams lernen.

Im Jazz geht es auch um Leidenschaft und Improvisation. Improvisieren wird im Management aber eher als negativ empfunden.

Scheer: Im Management steht Improvisieren häufig für ungeplantes und unvorbereitetes, dillettierendes Handeln. Im Jazz bedeutet es dagegen gekonntes spontanes Erfinden neuer Melodien. Es muss also ein theoretischer und praktischer Hintergrund vorhanden sein, aus dem spontan geschöpft werden kann. Gekonntes schnelles Agieren und Reagieren wird auch im Wirtschaftsleben immer wichtiger. Kein Unternehmen wird sich gegenwärtig noch auf Pläne stützen, die vor der Wirtschaftskrise aufgestellt wurden. Vielmehr ist gekonntes kreatives und spontanes Handeln erforderlich.
Ohne Leidenschaft zu einer Leistung kann es keine außergewöhnliches Ergebnis geben. Jazz-Musiker outen sich auf der Bühne mit ihren Emotionen. Dieses ist der Physiognomie eines Solierenden häufig deutlich anzusehen. Auch im Management spielen Emotionen eine Rolle. Der kalte Vorgesetzte, der sich zu keinen Gefühlen bekennt, wird auf Dauer keine Führungspersönlichkeit.

Kann man Unternehmen nach den Prinzipien einer Jazz-Band organisieren?

Scheer: Man kann natürlich ein Team nicht genau einer Jazz-Band nachempfinden. Aber man kann die Prinzipien wie kreative Freiheit, flache Hierarchien, abgestimmter Koordinationsbedarf, Hören auf die Argumente anderer und Mut zum Risiko durch eine entsprechende Unternehmenskultur fördern. Es gibt auch Beispiele, dass Unternehmen im Rahmen von Führungsveranstaltungen ein Team als Jazz-Band auftreten ließen – wahrscheinlich mit eher abschreckendem musikalischen Erfolg. Hier wurde dann die Methapher missverstanden.

Albert Mangelsdorf sagte einmal als Chef der Berliner Jazz-Tage „Jazz muss swingen“. Sollte ein Unternehmen auch swingen?

Scheer: Swing ist im Jazz ein rhythmisches Spannungsgefühl, das den Solisten bei seiner Improvisation anregt. Aber auch Unternehmen können swingen. Man merkt es eben, wenn man ein Unternehmen betritt und es herrscht kühle, vornehme Stille oder ob es „brummt“. Im zweiten Fall hört man Diskussionen von Mitarbeitern und Kunden, das Klappern von Kaffeetassen und spürt die Begeisterung, an einer erfolgreichen Institution beteiligt zu sein.

Aber geht es bei Unternehmen nicht vor allem um Gewinne und Verluste?

Scheer: Der Gewinn eines Unternehmens ist ein Erfolgsindikator für seinen Innovations- und Markt­erfolg. Auch Jazz-Musiker freuen sich über volle Konzertsäle und gute Absatzzahlen ihrer CDs als Maß für ihren Erfolg.

Eignet sich die Adaption von Jazz-Prinzipien nur für bestimmte Unternehmen und Branchen?

Scheer: Die organisatorischen Prinzipien im Jazz sind allgemeingültig und können in Unternehmen verschiedener Größen und Branchen sinnvoll angewendet werden.

Die Jazz-Metapher wird bereits seit etlichen Jahren im Rahmen von Management-Strategien diskutiert. Wie steht es um die Erfahrungen in der Praxis?

Scheer: Ich kenne eine Reihe von Top-Managern, die sich für Jazz interessieren, ihn fördern oder sogar selbst spielen. Diese wissen von dem kreativen Potenzial der Jazz-Organisation und versuchen es auch in ihren Unternehmen einzusetzen. Auch gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen zum Problemkreis Organisation und Jazz. Von einer konkreten jazzorientierten Management-Methode würde ich aber trotzdem nicht sprechen. Viele Management-Methoden kommen und gehen, in diese Eintagsfliegen möchte ich meine Überlegungen nicht eingereiht sehen.

Herr Prof. Dr. Scheer, Sie verkaufen Ihre Anteile an der von Ihnen gegründeten IDS Scheer AG an die Software AG. Wird Ihre Leidenschaft, der Jazz, davon profi­tieren?

Scheer: Ich bin weiter als Präsident des Branchenverbandes Bitkom, als Vizepräsident im BDI, als Aufsichtsrat mehrerer Unternehmen usw. sehr beschäftigt. Sicher werde ich aber mein Engagement als Förderer und Musiker noch weiter ausbauen.

In der IT-Branche kennt man Sie vor allem als erfolgreicher Unternehmer und Fachbuchautor, als Präsident des Bitkom und Berater in der Politik. Gleichzeitig sind Sie auch ein renommierter Saxophon-Spieler. Wie ist das alles zu schaffen?

Scheer: Es ist eine Frage der Prioritäten und des Zeit-Managements. Auftritts- und Workshop-Termine sind bei mir A-Termine, d. h., sie können durch andere Termine nicht verdrängt werden. Dieses weiß auch meine Sekretärin und sie beschützt meine Jazz-Aktivitäten.

In wie vielen Jazz-Formationen haben Sie bisher mitgewirkt und wie oft treten Sie im Jahr etwa auf?

Scheer: Ich spiele regelmäßig in zwei Combos und einer Bigband, mit denen ich rund 40 mal im Jahr öffentlich auftrete. Bisher war ich an fünf CDs beteiligt, u. a. mit Stars wie Jimmy Cobb, Cecil Payne und Randy Brecker.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Prof. Dr. Scheer.

Prof. Dr. Scheer ist u. a. Ensemble-Mitglied der Jazz-Formation Oliver Strauch‘s Groovin High. Die Band spielt eine spannende Mischung aus Hard Bop, Swing und Groove-Jazz. Das treibende Dreigespann und den konstanten Kern der Band bilden der Schlagzeuger und Bandleader Oliver Strauch (auch er Professor für Schlagzeug an der Musikhochschule des Saarlandes), der international renommierte Trompeter und Flügelhornist Randy Brecker und August Wilhelm Scheer als Baritonsaxophonist.
Tourplan unter www.oliverstrauch.de.

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