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BIT Februar 2010 Seite: 106
Management meets Jazz, Jazzonomics Teil III
Blick über den Tellerrand
Der Jazz sei „brotlose Kunst“, heißt es oft. Zu voreilig, denn er kann einen gewinnbringenden Nutzen für die Wirtschaftsund Unternehmenswelt leisten: Jazzonomics zeigt, wie Gestaltungsund Handlungsprinzipien aus dem Jazz auf die heutigen Anforderungen in den Unternehmen übertragen werden können.
Manchmal bedarf es also auch erst einer Krise, damit Kreativität und somit Innovation und Fortschritt sich entfalten können.
Ungeahnte und neuartige Impulse zu suchen statt Routine und Gleichklang treibt den Jazz-Musiker an. „Alles Bestehende infrage zu stellen – immer wieder“ heißt der Grundsatz. Um neuen Input und Inspirationen in die Band zu holen, betreibt der Jazz flexibles Personal-Management. Jazz-Musik ist vor allem Projektarbeit. Bandleader organisieren ihre musikalischen Unternehmungen passgenau für spezifische Anforderungen. Die Fluktuation der Mitspieler ist im positiven Sinne hoch.
Der Freelancer ist ein typisches Anstellungsverhältnis im Jazz. Miles Davis hat seine Musiker immer wieder gezielt, individuell und entsprechend der musikalischen Zielsetzung zusammengestellt, um höchste Qualität und das bestmögliche Ergebnis zu erreichen: Die Musiker seiner Band, mit der er den Cool Jazz entwickelt hat, waren – von ihren Kompetenzen, Spielfähigkeiten, ihrem musikalischen Horizont und ihrer Persönlichkeit her gesehen – völlig andere als jene, mit denen er den Rock-Jazz etablierte.
Jazz-Musiker hören dem zu, was in der Welt um sie herum passiert. Sie halten ständig Ausschau nach neuen Strömungen, Stilen und Einflüssen, die sie in ihre eigene Musik integrieren können. Wer erfolgreich agieren will, muss über den Tellerrand schauen. Jazz-Musiker haben das erkannt und bewegen sich in einer überaus gut vernetzten Community. Ebenso können Wirtschaftsunternehmen von guten Ideen, von Know-how und Kompetenz außerhalb der eigenen Wände profitieren. Durch die Unterstützung von Kunden, Zulieferern, Branchenbeobachtern, der Scientific Community oder durch die Zusammenarbeit mit Querdenkern können Wettbewerbsvorteile erzielt werden.
Der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (Wella, Gillette etc.) hat diesen Weg im Jahre 2000 bewusst eingeschlagen: Damals befand sich das Unternehmen tief in einer Absatzkrise. Statt das langjährige Motto „Wir erfinden alles selber“ stur weiterzuverfolgen, veränderte der neue CEO Alan G. Lafley die Firmenphilosophie.
Er forderte neue Ideen und Innovationen, und zwar besonders solche, die von außerhalb des Unternehmens kommen sollten. Aus gutem Grund: Nach Lafleys Rechnung gab es draußen 1,5 Millionen kluge Köpfe, die an ähnlichen Themengebieten arbeiteten wie Procter & Gamble. Sein Konzept ging auf. Durch externe Vernetzung steigerte sich die Produktivität der Forschungs & Entwicklungsabteilung um 60 Prozent. Der Konzern fand zur alten Stärke zurück.
Reichhaltige Impulse
Jazzonomics gibt Denkanstöße und Inspirationen, wie schöpferisches Denken und Handeln aus dem Jazz gewinnbringend auf die Unternehmenswelt übertragen werden kann. Wer kreativ und innovativ wie der Jazz ist, kann Krisen bewältigen oder gar im voraus vermeiden. Der Jazz sucht übrigens bewusst die Krise, um gestalterisch tätig zu werden. So bewegt sich der Musiker bei der Jazz-Improvisation „am Rande des Chaos“, und genau dieses Spannungsfeld bringt ihn zu neuen Ufern. Manchmal bedarf es also auch erst einer Krise, damit Kreativität und somit Innovation und Fortschritt sich entfalten können. Denn jede Krise ist immer auch eine Chance für Veränderung und Verbesserung.
So entstand der Bebop, diese höchst kreative und innovative Musik, durch Musiker wie Charlie Parker, die als „Outsider“, von der bürgerlichen Gesellschaft verstoßen, am Rande der Gesellschaft leben mussten und mit sozialen Problemen zu kämpfen hatten. Ihr Schöpferdrang, der zum Bebop führte, war eine Reaktion auf ihre Krise.
Jazzonomics fordert auf: Manager und Betriebswirte sollten Jazz hören (oder gar spielen wie der ehemalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert oder der Unternehmer und Präsident des HightechBranchenverbandes Bitkom, AugustWilhelm Scheer), ins Konzert gehen, mit Musikern sprechen und sich mit ihnen austauschen. Durch dieses „art based learning“ werden sie hautnah erfahren, welch reichhaltige Impulse der Jazz ihnen liefern kann. Und ganz nebenbei ist diese Musik beste Unterhaltung und nicht so trocken wie manches Management-Handbuch.
Marco Ostrowski
Marco Ostrowski ist Musikwissenschaftler und Kunst-Manager und zugleich verantwortlicher Produkt-Manager des Jazzlabels ACT Music + Vision in München. Der Autor dieses Beitrages bietet Unternehmen Vorträge und Workshops zum Thema Jazzonomics an. Jazzonomics bedeutet, Jazz als Impulsgeber für die Wirtschaft zu nutzen. Die Idee ist erstmals zu Beginn der 1990er-Jahre unter der Bezeichnung Jazz-Metaphor in das Interesse von interdisziplinär denkenden Betriebswirten und Wissenschaftlern gerückt. Jazzonomics baut auf diesen Erkenntnissen auf, geht aber einen Schritt weiter: Das Konzept versteht sich als eine umfassende Management-Haltung, die konkrete Übertragungsmöglichkeiten für Unternehmen anbietet und Anwendungsbereiche für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln aufzeigt. Kontakt und Anfrage: marco_ostrowski@hotmail.com
BIT-Club-Tipp
BIX Jazz-Club, Stuttgart,
www.bix-stuttgart.de.
Top-Acts im März/April: 5.3. Ignaz Dinné NY Quartet – Jazz aus New York, 11.3. Rudder – Phänomenales Groove-Erlebnis, 12.3. Solveig Slettahjell – Ergreifender Vocaljazz, 19.3. Jens Wülker – CD Release, 20.3. Coryell Auger Sample Trio – Groovender Rock-Jazz, 1.4. Soul Diamonds – Stevie Wonder Special, 15.4. Cuba Nova with Klazz Brothers, 16.4. Wasserfuhr Quartet – Young German Jazz, 23.4. Charly Antolini – Schlagzeuglegende, 24.4. Vienna Teng – Piano Folk Jazz, 28.4. Randi Hansen – Jimi Hendrix lebt.
BIT-Management meets Jazz
Management meets Jazz, Jazzonomics Teil III:
Blick über den Tellerrand
Management meets Jazz, Jazzonomics Teil II:
Gemeinsam sind wir stark
Management meets Jazz, Jazzonomics Teil I:
Impulse für Unternehmen
Management meets Jazz:
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Management meets Jazz:
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