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Avishai Cohen

Höhenflüge

Er ist der aktuell meistbeachteten Jazz-Trompeter und der heißeste Jazz-Import Israels. Nach seinem Debüt bei ECM setzt Avishai Cohen nun zu weiteren Höhenflügen an.

Miles Davis war sein großes Vorbild, doch von dem hat er sich längst emanzipiert. Mit seinem schwerelosen Trompetenspiel, das inspiriert aus dem Moment zu entstehen scheint, jedoch klare Strukturen aufweist, verzaubert Avishai Cohen die Zuhörer wo immer er auftritt. Der Trompeter aus Israel, seit vielen Jahren in New York lebend, ist schon rein optisch eine charismatische Erscheinung. Mit Hipster-Bart, großflächigen Tattoos und Siegelringen würde man ihn eher im Hardrock-Milieu verorten, dabei stammt er aus einem feinsinnigen musikalischen Familien-Umfeld. Der Bruder spielt Saxophone, die Schwester Klarinette und zu dritt bildeten sie ihre erste Jazzcombo. In Tel Aviv und New York, beides Hotspots des Jazz, musikalisch gereift, pflegt Avishai Cohen heute ein fast intellektuelles Verhältnis zu seinen Kompositionen, schafft jedoch mit lyrischem Klang eine hochemotionale Atmosphäre. Es konnte also nicht lange dauern, bis Manfred Eicher, Gründer und Produzent des Renommier-Labels ECM, auf ihn aufmerksam wurde. Nachdem Avishai Cohen im vergangenen Jahr mit „Into The Silence“ sein gefeiertes ECM-Debut veröffentlichte, folgt nun ebenfalls bei ECM die poetisch betitelte CD „Cross My Palm With Silver“.

Fotos

In Tel Aviv und New York musikalisch gereift, pflegt Avishai Cohen heute ein fast intellektuelles Verhältnis zu seinen Kompositionen, schafft jedoch mit lyrischem Klang eine hochemotionale Atmosphäre. (Fotos: Caterina di Perri/ECM)
Während „Into The Silence“ ein sehr persönliches von Melancholie geprägtes Album ist, das Licht und Schatten, „Life And Death“ (wie ein Stück benannt ist) nach dem Tod des Vaters in expressiver Anmut verarbeitet, ließ sich Cohen bei den Kompositionen zur aktuellen CD von politischen und gesellschaftlichen Beobachtungen leiten. Er führt dazu die Ungerechtigkeiten in seiner Heimat Israel an sowie das politische Klima im Nahen Osten. Stehen diese Inspirationen im Wiederspruch zur Schönheit der Musik? Keineswegs meint Cohen: „Ein jeder von uns sollte alles, was in seiner Macht steht, unternehmen, um mitfühlend zu sein. Ich habe keine Ahnung, inwieweit meine Musik dies widerspiegelt, aber das ging mir durch den Kopf, als ich sie schrieb."

Den Inspirationen zufolge ist „Cross My Palm With Silver“ nicht weniger melancholisch wie die Vorgänger-CD bei ECM aber doch entschieden farbenfroher, wobei beide Alben durch ihre Harmonien und wunderschöne Klanggebilde bezaubern. Und noch etwas zeichnet das neue Album aus. Es ist das fabelhafte Zusammenspiel mit dem Schlagzeuger Nasheet Waits und dem Pianisten Yonathan Avishai, beides langjährige Begleiter von Avishai Cohen und dem neu hinzu gekommenen Bassisten Barak Mori. „Diese Leute sind mein Dream-Team“ meint Cohen. Und in der Tat ist eine homogen spielende Band bei derart filigranen Kompositionen Gold wert. Ein Wermutstropfen bleibt nach dem Hören des Albums: nach knapp 40 Minuten Spielzeit muss die Repeat-Taste bedient werden. Label: ECM, 2017.


Jacques Ziegler
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FEUILLETON