BIT - Feuilleton Betörende Bildsprache,   CD, Jazz
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BIX Top-Act: Caroll Vanwelden

Betörende Bildsprache

Shakespeare Sonette im Jazzgewand, leidenschaftlich interpretiert und mitreißend arrangiert, gibt es am 29.9.2017 im Stuttgarter Jazzclub BIX zu hören.

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Die rätselhaft lyrischen Sonette von Shakespeare nimmt sich die belgische Sängerin und Pianistin Caroll Vanwelden nun zum dritten und letzten Mal vor. Ausdruckstark und wunderbar arrangiert im Jazzgewand. Liebe, Tod, Schönheit und Vergänglichkeit sind die bestimmenden Themen der insgesamt 154 Sonette des allgegenwärtigen englischen Dichters. Seine Werke gehören längst zum Kanon der Weltliteratur, die Dramen ebenso wie die Sonette, Klangdichtungen von einzigartiger Ausdruckskraft. Insgesamt 48 Sonette transkripierte die belgische Jazzsängerin und Pianistin in die Sprache des Jazz, präsentiert auf drei CDs. Mit dem im Juni 2017 erschienen Album „Caroll Vanwelden sings Shakespeare Sonnets 3“ ist die Trilogie abgeschlossen. Leider muss man hinzufügen. Wenn auch alle drei Werke sich dem lyrischen Vermächtnis des Universaldichtes widmen, so unterscheiden sie sich doch in der Thematik, nicht aber im kraftvollen Ausdruck und der mitreißenden musikalischen Umsetzung, von der man nicht genug bekommen kann. Kostprobe: „So lang wie Menschen atmen, Augen sehn, so lang lebt dies, so lang wirst du bestehn“, schließt Shaekespeare mit überbordender Hoffnung sein Sonett 18 ab, das Caroll Vanwelden als drittes Stück der aktuellen CD – selbstverständlich in Originalsprache und Duktus interpretiert. Das ist Jazz-Lyrik auf höchstem Niveau in einer betörenden musikalischen Sprache, die ihresgleichen sucht.

Die Sonette von Shakespeares gehören zu den Meisterwerken der Weltliteratur. Sie adäquat im Jazzgewand zu vertonen, könnte anspruchsvoller kaum sein. Den begleitenden Musikern gelingt, die Intensität und Kraft des Gesangs mit eleganten Melodien (Thomas Siffling an der Trompete), lässig groovend (Mini Schulz am Bass) und mit komplexen Rhythmuswechseln (Jens Düppe am Schlagzeug) zu unterstreichen und einzukleiden in ein ebenso opulentes wie mitreißendes musikalisches Rezitat. Caroll Vanwelden hüllt mit nuancenreicher Stimme die ebenso sensitive wie wortgewaltige Sprachmelodie Shakespeares in dezent deklamierende Koloraturen. Welcher Anspruch damit verbunden ist lässt vielleicht eine freie Übersetzung von Stefan George im Sonett Nr. 1 erahnen, das auf dem neunten Stück des aktuellen Albums zu hören ist:

Von schönsten Wesen wünscht man einen Spross
Dass dadurch nie der Schönheit Rose sterbe:
Und wenn die reifere mit der Zeit verschoss
Ihr Angedenken trag ein zarter Erbe.
Doch der sein eignes helles Auge freit
Du nährst dein Licht mit eignen Wesens Loh,
Machst aus dem Überfluss die teure Zeit,
Dir feind und für dein süsses Selbst zu roh.
Du für die Welt jezt eine frische Zier
Und erst der Herold vor des Frühlings Reiz:
In eigner Knospe gräbst ein Grab du dir
Und, zarter Neider, schleuderst weg im Geiz.
Gönn dich der Welt! Nicht wie ein Schlemmer tu:
Esst nicht der Welt Behör, das Grab und du!

Mehr als fünf Jahre beschäftigte sich Caroll Vanwelden mit ihrem Trilogie-Projekt der Shaekespeare-Sonette. Was hat sie dazu inspiriert? Caroll Vanwelden: „Die Motive und Leitbilder Shakespeares sind faszinierend und universell zugleich. In all seinen Motiven finde ich mich selbst wieder und auch ein großes Maß an Inspiration.“

Entstanden sind damit drei Alben, die nicht nur den klassischen Jazzfan erfreuen, sondern auch Freunde der Lyrik oder einfach den Musikgenießer begeistern werden. Vom ersten bis zum letzten Stück oder auch von Vers zu Vers sind die von Caroll Vanwelden, Thomas Siffling, Mini Schulz und Jens Düppe vertonten Shakespeare-Sonette eine wahre Wonne. Label: Jazznarts Records, 2017.

Jacques Ziegler
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