BIT - Feuilleton Außerirdisch schön,   CD, Jazz
ERT
Thomas Siffling

Außerirdisch schön

Mit „Flow“ legt Thomas Siffling eines der schönsten Jazz-Alben des Jahres vor: zeitgemäßer Jazz., groovebetont, mit starkem Elektro-Ambiente, pulsierend und relaxt zugleich.

Man ist versucht zu sagen, der Trompeter aus Mannheim „makes Jazz great again, denn mit „Flow“ öffnet er zweifellos einem jungen Publikum die Türen zum Jazz.
Fotos
Was hätte Miles Davis wohl zu diesem Album gesagt? Wunderbare leichte Melodien schweben auf pulsierenden Rhythmen, öffnen Räume für Soli, die sich konsequent den Harmonien verpflichtet fühlen und dennoch Überraschungen gestatten. Gewiss: von avantgardistischen Ambitionen ist dieses Album so weit entfernt wie Swing vom Bebop. Miles Davis, der den Jazz von seinen konservativen Fesseln entledigte, hätte dennoch seine helle Freude an dem Album gehabt. Thomas Siffling bedient sich auf „Flow“ ausgiebig aus dem elementaren Groove-Baukasten. Das macht den Jazz leichtgängig ohne allzu populär zu wirken, die Elektronik steht nicht im Vordergrund sondern dient dem melodischen Fluss.

Wer Thomas Sifflings Arbeiten als Trompeter kennt, weiß, dass trotz populärer Avancen auf „Flow“, ein vorgefertigtes Sounddesign für ihn nicht in Frage kommt. Der Kreativität seiner Musiker gibt er reichlich Entfaltungsmöglichkeiten. Wenn auch die den fünf Songs zugrunde liegende Ideen von ihm stammen, so ist die Basslinie alleine Sache des Bassisten, wie er in einem Interview erläutert. Ähnlich verhält es sich mit den Rollen von Pianist, Gitarrist und Drummer. Die fünf Musiker bilden ein Projekt-Kollektiv, das sich einzig dem Flow-Effekt der Musik verpflichtet fühlt. Ein repetitiver Sound mit wunderbar dahingleitendem Trompetenspiel, das sich spielerisch zu ebenso angenehmen wie mitreißenden Klangbildern entwickelt. Und dafür nimmt sich Thomas Siffling Zeit. Zwischen rund 8 und 13 Minuten benötigen die fünf Songs des Albums um ihr magisches Potential zu entfalten.

Die spielerische Herangehensweise, die Siffling als konzeptionelle Methode beschreibt, sollte jedoch nicht über den hohen Anspruch an das Album täuschen. „Eine der größten Herausforderungen war es, eine gesunde Mischung aus Jazz-Kredibilität aber auch Mainstream/Elektronik-Aspekten zu schaffen“, lässt Thomas Siffling wissen. Das aktuelle Album kumuliert die Erfahrungen aus elektronic-affinen früheren Arbeiten des Mannheimer Trompeters, etwa aus den Alben „Kitchen Music“ (2007), „Cruisen“ (2009), „Human Impressions“ (2012) „Personal Relations“, (2013) und das zuletzt erschienene Duo-Werk „Songs“ mit dem Gitarristen Claus-Boesser Ferrari. Für „Flow“ hat Thomas Siffling, eine komplett neue und diesmal auch Quintett-Formation ausgewählt mit Alex Guina an der Gitarre und Christian Huber an den Drums, beide sind auch zuständig für die elektronischen Effekte. Konrad Hinsken steuert die Harmonien an Piano und Fender Rhodos bei, während Dirk Blümlein die Basslinien dazu entwirft. Und im Mittelpunkt sphärische Melodienbögen, die wie Fanfaren aus den Tiefen des Weltalls klingen, unterlegt mit einem energetischen Groove. Das scheint Musik von einem anderen Stern zu sein, außerirdisch schön. Man ist versucht zu sagen, der Trompeter aus Mannheim „makes Jazz great again, denn mit „Flow“ öffnet er zweifellos einem jungen Publikum die Türen zum Jazz.

„Flow“ ist das erste Album der neuen Programmlinie eSeries, die unter dem Label Jazznarts Records erscheint. Der eSeries liegt das programmatische Konzept aus Jazz und elektronischen Klangbildern zugrunde. Jazznarts Records wurde vor 1999 von Thomas Siffling gegründet und gehört inzwischen zu den renommierten deutschen Jazzlabeln, die zeitgemäßen, jungen Jazz fördern.


Jacques Ziegler
Drucken
FEUILLETON