BIT - Feuilleton Bissiges mit Biss,   CD, Jazz
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Pokey La Farge

Bissiges mit Biss

Er mischt Gypsy mit Ragtime, Jazz mit Rootsblues, Swing mit Rockabilly und gibt einen Schuss Western dazu. Fertig ist ein musikalischer Ausdruck, der in keine Schublade passt, aber fasziniert.

Bei Pokey LaFarge und seiner fünfköpfigen Band, allesamt Multiinstrumentalisten, hält es den Zuhörer kaum auf dem Sitz. (Foto: Nate Burell)
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„Niemand sieht so aus und klingt so wie ich“, sagt der Mann aus St. Louis. Recht hat er. Der Old-Schoole-Style passt zum 50er-Jahre Erscheinungsbild des Südstaatlers ebenso wie die sozialkritischen oder beziehungsgeschwängerten Themen. Traditionelle Musik, von der es in unterschiedlichen Spielarten und Kombinationen bei Pokey Lafarge viel zu hören gibt, war schon immer ein Medium gesellschaftskritischer Lyrik und persönlicher Beziehungsdramen. Mit peppigen Arrangements und flotten Rhythmen bläst die siebenköpfige Band jedoch den Staub des letzten Jahrhunderts aus den Rillen der Referenz-Werke. Die dabei eingesetzten Instrumente, wie Upright Bass, Double Bass, Banjo, Tenor Saxophone und Klarinette, Harmonika, Vibraphone, Guitjo, Stylophone und der Südstaatenakzent des Sängers erinnern zwar an die alten Zeiten des Röhrenradios, verleihen den mittlerweile fünf Alben von Pokey LaFarge eine zeitgemäße Note mit hohem musikalischem Niveau. Das liegt nicht nur an den gesanglichen Qualitäten von Pokey LaFarge, der auch als Entertainer im Live-Act für Stimmung sorgt, sondern auch an den hervorragenden Musikern, allesamt Multiinstrumentalisten.

Ob das Erfolgsrezept dem Retro-Trend geschuldet ist? Das aktuelle Album „Manic Revelations“ beweist das Gegenteil. Die Lyriks strotzen vor Dunkelheit und Zorn über die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur in den USA. Pokey laFarge sieht das gesamte Album als „kulturelles Druckablassventil“ und die Musik als Medium seine „Bad Dreams“ unters Volk zu bringen. In seltsamem Kontrast stehen dabei die schwungvollen und munteren Arrangements. „Komponieren und Konfrontieren“ beschreibt Pokey LaFarge sein musikalisches Rezept, wobei ein Schuss trockener Zynismus wohl nicht fehlen darf. Die Musik macht Laune, die Lyriks bremsen irritierend allzu großen Überschwang. „Aufwachsen ist ein Schwindel / die Wahrheit eine Lüge / Man ist besser dran, wenn man Kind bleibt / Bis zu dem Tag, an dem man stirbt“ heißt es in dem Lied „Silent Movie“. Pokey LaFarge ist ein Geschichtenerzähler. Bei diesem Song macht er sich Gedanken über ein Kind, das in der Chicago-Hochbahn mit Kopfhörer auf den Ohren sitzt. Doch im nächsten Song „Good Luck Charm“ hält es den Zuhörer schon nicht mehr auf dem Sitz. Auf „Manic Revelations“ wird Bissiges mit außerordentlich musikalischem Biss vorgetragen. Label: Concorde/Universal, 2017.
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