BIT - Feuilleton Crooner zum dritten,   CD, Jazz
Bob Dylan

Crooner zum dritten

Zuviel des Guten, finden selbst seine Fans, wahlweisen auch des Schlechten, seine Kritiker, nach dem der Exzentriker sich bereits mit einem dritten Album als Crooner versucht. (Foto: Sony BMG)

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Mit dem Hickhack um die Preisverleihung des Literatur-Nobelpreises, der höchsten Auszeichnung, die einem Literaten zu Gute kommen kann, lässt Dylan wieder den Exzentriker raushängen - oder den Snob. (Foto: David Gahr, Sony BMG)
Und als wäre das nicht genug holt der Altmeister des literarischen Folkrock mit der Neuerscheinung zum Dreifachschlag aus. „Triplicate“ heißt das neuste Werk. Aber was ist das überhaupt für ein Titel, der die Quantität statt den Inhalt highlighted? Mit dem tiefen Griff in die Schatzkiste des sogenannten Great American Songbook förderte Bob Dylan dieses Mal 30 größtenteils unbekannte aber nicht weniger interessante Stücke der Populärmusik der 30-er und 40er Jahre zutage. Nach „Shadows in the Night“ im Jahre 2015 und „Fallen Angels“ in 2016 ist das nun die dritte Veröffentlichung des Altmeisters innerhalb drei Jahren, die ausschließlich Cover-Versionen aus der großen Swing- und Crooner-Ära enthält, wie sie vor allem durch Frank Sinatra, Bing Crosby, Dean Martin, Nat King Cole, Gene Austin, Perry Como und dem heute noch sehr aktiven mittlerweile 90-jährigen Tony Bennett bekannt wurden.

Das Album wird vom Verlag stolz als Dreifach-CD, wahlweise auch Dreifach-Vinyl offeriert. Soll heißen, endlich mal ein Werk, für das zwei Scheiben und schon gar nicht eine ausreichen. Volumen ist angesagt. Irgendwie erinnert die Vorgehensweise an das 1970 erschienene, höchst umstrittene Album „Selbstportrait“. Damit veröffentlichte Bob Dylan sein zweites Doppelalbum. Das erste Doppelalbum der Musikgeschichte spielte der Folkrockstar bereits 1966 unter dem Titel „Blonde On Blonde“ ein. Unumstritten ein Meisterwerk.

Was die Fangemeinde bei „Selfportrait“ in Rage brachte, war zum einen die Tatsache, dass der geniale Songwriter und ungekrönte König der Protestbewegung die meisten der 24 Titel des Albums aus Pop-Klassikern coverte, zum anderen, dass es sich um relativ belanglose Stücke handelte. Eine Frechheit, das Ganze auch noch mit Selbstportrait zu überschreiben und mit einem solchen zu schmücken. Doch die Provokation gelang: Kritiker, wie Anthony Varesi und Greil Marcus, die Bob Dylan damals als Säulenheiligen einer ganzen Generation und als „Rimbaud des Rock“ verehrten, bezeichneten das Werk als lächerlich (Varesi) oder fragten „Whats that Shit?“ (Markus Greil im Musikmagazin Rolling Stone). Bob Dylan, so steht zu vermuten, genoss den Wirbel, den er auf Selfportrait mit banalen Schlagern anrichtete, die mit keinem Ton an den wilden Rebellen früherer Jahre erinnerte. Schon in den frühen Jahren seiner unglaublichen Karriere spielte der Folkrock-Fürst seine Neigung zu Provokation und Exzentrik aus. Unvergessen sein Auftritt bei der Verleihung des renommierten Tom-Paine-Awards durch eine prominente Bürgerrechtsbewegung im Jahre 1963, auf der er vor allem mit Publikumsbeschimpfungen von sich Reden machte.

Geniale Plagiatskunst oder originäres Künstlerschaffen?

Mit dem Hickhack um die Preisverleihung des Literatur-Nobelpreises, der höchsten Auszeichnung, die einem Literaten zu Gute kommen kann, lässt Dylan wieder den Exzentriker raushängen - oder den Snob. So stößt man auch Verehrer vor den Kopf, die jahrelang gefordert haben, das Schaffen des Künstlers gehöre mit nichts Geringerem als dem Ritterschlag des norwegischen Nobelkomitees gewürdigt. Bis heute streiten sich Literatur- und Pop-Kritiker, ob das Dylan‘sche Gesamtwerk geniale Plagiatskunst oder originäres Künstlerschaffen darstellt. Nun gut, die ausführliche Argumentationen, Analysen und Studien z. B. des renommierten Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering legen den Schluss nahe, dass Bob Dylan einen würdigen Kandidat für den Literatur-Nobelpreis abgibt. Im Jahre 2006 beschäftigte sich sogar ein internationaler Kongress in Frankfurt mit der literatur- und sozialwissenschaftlichen Bedeutung der Lyrik des Rockpoeten. Den Vorträgen der versammelten Dylanologen, darunter der Kulturhistoriker Klaus Theweleit, die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman, der englische Schriftsteller und Dylan-Experte Michael Gray, der deutsche Sozialphilosoph Axel Honneth, ist zu entnehmen, dass das Dylan’sche Werk ihn zu einem ernsthaften Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis macht. Nachzulesen in dem Dokumentationsband „Bringing At All Back Home – Bob Dylan-Kongress (Edition Suhrkamp, 2006).

Zehn Jahre nach dem Kongress war es dann soweit. Die Musikwelt jubelte über die Auszeichnung, die Literatur- und Kulturwelt war zumindest zweigeteilt. Von „Ja, endlich“ bis weitgehende Verständnislosigkeit reichten die Reaktionen. Und der Geehrte selbst ignorierte demonstrativ die immerhin doch sensationelle Entscheidung der Nobelpreisjury. Erst Monate später bequemte er sich die Medaille entgegenzunehmen, wohl, weil es gerade passte. Seine Tournee führte ihn am 1. April 2017 nach Stockholm, wo er sich für das Treffen mit der Schwedischen Akademie ein wenig Zeit nahm. Das Preisgeld von rund 840.000 Euro darf er jedoch erst nach Ablieferung einer Rede kassieren. Wie sehr Reden sein Ding ist, durfte jeder Besucher eines Dylan-Konzerts bereits erfahren. Mal sehen was er sich einfallen lässt und ob es überhaupt dazu kommt.

Bob Dylan als multiples Gesamtkunstwerk

Dass Dylan ein würdiger Nobelpreis-Kandidat ist, lässt sich nach Lektüre der umfangreichen Sekundärliteratur, die sich mit seinem Werk beschäftigt, kaum bezweifeln. Aber Dylan ist mehr als ein Song-Lyriker. Er selbst sieht sich als konzeptionelles Gesamtkunstwerk und ist künstlerisch gesehen eine multiple Persönlichkeit. Eher lässt sich ein Pudding an die Wand nageln, als Bob Dylan auf einen Charakter festzulegen, wie das auch sehr eindrucksvoll in dem Film „I’m not there“ zum Ausdruck kommt. In einem Interview sagt Dylan „the characters in my songs are all me“, womit er all die verblichenen Dramatiker, Lyriker, Philosophen, Minnesänger, Jahrmarktgaukler, antike Dichter und Underground-Poeten meint. Und nun kommen auch noch die sogenannten Crooner im Stile eines Frank Sinatra dazu.

Womit wir beim aktuellen und dritten Album wären, auf dem Bob Dylan die Schlager aus dem Great American Songbook nachsingt. Nachsingt ist zugegeben etwas despektierlich formuliert. Denn die Arrangements sind großartig und die Stimme unbestritten einzigartig. Dylans gut eingespielte Tourband entkleidet die Songs aus ihrem ehemals opulenten Streicher-Gewand und steckt sie in eine schwülstige musikalische Tex-Mex-Ausstattung, in der die Klänge der melodiösen Steel-Gitarre sich ziehen wie Maismehlteig im mexikanischen Pastetenauflauf. Drei Gitarren mit Tony Garnier (Bass), Charlie Sexton, Dean Parks und Donnie Herron (Steel) sowie Gearge Receli an den Drums bilden ein wunderbares Fundament für einen Sänger, der mit knarzigen Stimmbändern seinen Crooner-Traum auslebt.

Covern ohne historische Ambitionen

Doch die Idee und das Konzept haben sich längst erledigt. Nach insgesamt fünf Scheiben („Shadows In the Night“, 2015, „Fallen Angels“, 2016, und dem Dreifach-Album „Triplicate“, 2017) mit insgesamt 52 Interpretationen aus dem musikalischen US-Nachlass kann man dazu nur in den Chor der des Coverns Überdrüssigen einstimmen.

Ihre Berechtigung zieht die durchaus ambitionierte Sammlung aus einer großartigen musikalischen Vergangenheit Amerikas. Doch dazu gehört allermindest eine Dokumentation über die Komponisten, das Erscheinungsjahr und die Erst-Interpreten. All dies fehlt auf allen drei bzw. fünf Dylan-Alben mit Ausgrabungen aus der Vergangenheit. Von einem Literatur-Nobelpreisträger erwartet man anderes, aber sicher keine Neuschöpfungen aus der amerikanischen Songhistorie in Folge. „Triplicate“ erschien am 31.3.2017 bei Sonymusic.

Jacques Ziegler
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