BIT - Feuilleton Bitterzarter Schmelz,   Jazz, CD
ERT
Victoria Tolstoy im BIX

Bitterzarter Schmelz

Mit ihrer ganz eignen Melodramatik widmet sich die schwedische Jazz-Sängerin Victoria Tolstoy (Foto: Gregor Hohenberg) den Klassikern der Filmmusik. Ein vielversprechendes Konzerterlebnis am 18.3.2017 im Stuttgarter Jazzclub BIX.

Fotos
Wer Viktoria Tolstoy auf den ersten Blick als kühle Persönlichkeit wahrnimmt, wird bei ihren Konzert-Auftritten eines Besseren belehrt. So dynamisch, wild und vibrierend, gleichzeitig prosaisch und erdverbunden erlebt man selten eine Jazz-Sängerin. Was auf ihren CDs gut vermittelt wird gerät im Live-Act zu einem unvergesslichen Erlebnis. Victoria Tolstoy verzaubert mit hinreißender Bühnenpräsenz ihr Publikum, so z. B. bei ihren Stuttgarter Auftritten im Theaterhaus im Jahr 2010 oder im Jazzclub BIX vor sechs Jahren. Nicht enden wollende Zugaben-Rufe und Standing Ovations sind der Sängerin sicher. Auf der aktuellen Tournee präsentiert sie am 18. März im BIX in Stuttgart ihr neues Album, das sich der Filmmusik widmet.

Foto: Gregor Hohenberg
„Meet Me At The Movies“ ist ein mitreißender Spaziergang durch die Film- und Filmmusikgeschichte von Michael Curtiz’ „Casablanca“ mit Herman Hupfelds „As Time Goes By“ bis zu Lars von Triers „Dancer In The Dark“ mit Björks “New World“, von Charlie Chaplins „Smile“ aus „Modern Times“ bis zu Seals „Kiss From A Rose“ aus „Batman Forever“, von Michael & Leslie Gores „Out Here On My Own“ aus „Fame“ bis zu Sarah McLachlans „Angel“ aus „City of Angels“ mit Nicolas Cage. Zu jedem dieser Filme habe sie eine besondere Beziehung, sagt Tolstoy.

Das hört man. Jedem einzelnen Stück verleiht die Sängerin einen eigenen Charakter. Wenn Victoria Tolstoy einen Song vorträgt, interpretiert sie ihn nicht einfach, sie formt und prägt ihn auf einzigartige Weise. Ein Talent, das wohl in der Familie liegt. Ihr Ururgroßvater war der legendäre russische Nationaldichter Leo Tolstoi. Die Ur-Enkelin wurde vor allem durch ihre melodiösen von skandinavischer aber auch russischer Volksmusik durchdrungenen Jazz-Einspielungen bekannt. Damit konnte sie ihre stimmlichen Stärken, die vor allem in der melancholischen Melodiengebung und gefühlsbetontem Ausdruck liegen, ausspielen.

Wichtige Meilensteine ihrer Karriere war die Zusammenarbeit mit Esbjörn Svensson und dessen Trio E.S.T. Er produzierte und schrieb die Songs für „White Russian“, die erste skandinavische Platte, die beim legendären Blue Note Label erschien. Auch Nils Landgren produzierte und spielte mit ihr, und 2003 folgte sie ihm und Svensson zu ACT als exklusiv für dieses Label arbeitende Künstlerin.

Schwedens führender Jazz-Export Nils Landgren ließ es sich natürlich nicht nehmen, für zwei Titel des neuen Tolstoy-Albums seine Posaune auszupacken und bei „Love Song For A Vampire“ im Duett mitzusingen. Und als weiterer Special Guest verfeinert der finnische Pianist Iiro Rantala sieben Film-Themen auf eigene Weise. Seine Fähigkeit zu außergewöhnlichen, unerwarteten und absolut persönlichen Interpretationen von großen Vorlagen hat Iiro Rantala schon oft nachgewiesen, zuletzt umjubelt und preisgekrönt mit seinen Versionen von John Lennon-Songs (Label ACT). Ein feines Gitarrentrio, mit Mattias Svensson an Kontra- und E-Bass, Rasmus Kihlberg am Schlagzeug sowie Krister Jonsson an den Gitarren, bildet die Basisband des Projekts.

Wer die führende Stimme des schwedischen Gegenwartsjazz live erleben möchte, hat auf der aktuellen Tournee von Victoria Tolstoy eine gute Gelegenheit dazu. Swedish Heart und Russian Soul feinsinnig und ebenso temperamentvoll vereint am 18. März im BIX, Stuttgart.

Jacques Ziegler
Drucken
FEUILLETON