BIT - Feuilleton Spannende Zeitreise und Spurensuche,   CD, Jazz
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Aufbruchsjahr 1967

Spannende Zeitreise und Spurensuche

Tief sind die Spuren, die das Jahr 1967 hinterlassen hat. In politischer und noch mehr in kultureller Hinsicht. Spuren, die Gefahr laufen, heute einem reaktionären Rollback geopfert zu werden. Einen detailreichen Rückblick auf „1967 – Das Jahr der zwei Sommer“ vermittelt das gleichnamige Buch.

Mitte der Sechzigerjahre entstand ein neues Lebensgefühl, das Leben nahm plötzlich Fahrt auf. Die Jugend wollte in Politik und Kultur mitreden. Pop wurde zur Leitkultur und prägte Mode, Konsum und Lifestyle. Politischen Dogmen wurden einer radikalen Analyse unterzogen. Eine andere, bessere, schöner Welt wurde zur Vision dieser Generation. Zwar spricht man vom Mythos des Jahres 1968 als Auslöser einer politischen und kulturellen Revolution, die vor allem die westliche Welt veränderte, doch der Umbruch zeichnete sich bereits in den Jahren zuvor ab. 1967 leuchtet schließlich den Pfad aus, der zu einer Kultur der Toleranz führte, der die Emanzipationsbewegung befeuerte, die Homophobie zu überwinden trachtete und die Gesellschaft einer Bewusstseinserweiterung öffnete, von der die Welt auch 50 Jahre später noch zehrt.

Sabine Pamperrien, Dr. phil., ist heute nach Stationen bei Printmedien und Fernsehen als freie Autorin und Publizistin tätig. 2014 erschien von ihr der SPIEGEL-Bestseller „Helmut Schmidt und der Scheißkrieg“. (Foto: Bernd Lammel)
Sabine Pamperrien trägt in ihrem Buch „1967 – Das Jahr der zwei Sommer“ detailreich zusammen, was die Welt am Vorabend des 1968er-Mythos bewegte, begleitet Rock- und Popstars bei ihren Auftritten, berichtet von der ersten Großveranstaltung der alternativen Szene im Stadtteil Haight Asbury in San Franzisco und verschweigt dabei nicht die Widersprüchlichkeiten der Bewegung.

Die Autorin nimmt den Leser mit auf einen chronologischen Streifzug durch das Jahr 1967. So besucht Sie Podiumsdiskussionen, u. a. zum Thema „Radikalismus in Deutschland“, die aus Anlass des Erstarkens der NPD geführt wurden. Dabei entsteht ein dichtes Stimmungsbild des Ringens um die politische Kultur, die sich gerade von der Umklammerung des nationalistisch- autoritären Denkens befreit. Ausführlich dokumentiert die Autorin auf fast 17 Seiten die Veranstaltung an der Hamburger Universität, an der der Zeit-Verleger Gerd Buccerius, der hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Ausschwitz-Prozesse maßgeblich ermöglicht hat, der Soziologe Ralf Dahrendorf, der konservativen Publizisten Rudolf Krämer-Badoni und der NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden sowie der Ostberliner Rechtsanwalt Friedrich Karl, der die KPD im Verbotsverfahren der Bundesrepublik vertreten hat, teilnehmen.

Lebhaftes Szenarium

Das Buch lebt von detaillierten Reportagen wie dieser, wird dem Leser damit doch ein lebhaftes atmosphärisches Szenarium geboten. Fraglich ist jedoch, ob es für das Gesamtverständnis notwendig ist, in kleinste Details einzutauchen, bei dem das Lachen des Publikums noch eine Notiz Wert ist.

Anliegen der Autorin ist es, „nicht nur Herrschaftsgeschichte zu erzählen“, wie es im Vorwort heißt. Vielmehr soll der Blick auf den Wandel der Mentalität des damals vorherrschenden Zeitgeistes gelenkt werden und damit auch auf den Wandel der Werte und des Werteempfindens. Der Leser kann sich ein Bild davon machen, welche Ereignisse die gesellschaftlichen Veränderungen in Gang gesetzt haben und welchen Anteil politische Bewegungen, gesellschaftliche Tabubrüche, das kreative Potential der Subkulturen und technische Innovationen daran haben.

Im Reportage-Format beschäftigt sich Sabine Pamperrien mit zahlreichen Ereignissen des Jahres 1967, so etwa mit dem Phänomen der Gammler, dem wachsenden Wohlstand in der Bundesrepublik, der Neuausrichtung des Neckermann-Katalogs vom biederen Ausstattungs-Kompendium zum modischen Wegweiser, den Aufregungen in der Literaturszene um prominente Schriftsteller mit Nazi-Vergangenheit. Ausführlich kann der Leser die Metamorphose von Muhamed Ali vom Box-Star zum Vietnam-Kriegsgegner und Anti-Rassismus-Aktivisten verfolgen um im nächsten Absatz einen Blick auf das damalige Karnevalsgeschehen in den Hochburgen des närrischen Treibens zu werfen. So geht es munter und mitunter detailversessen weiter mit Momentaufnahmen der Drogenrazzia bei dem Stones-Gitarristen Keith Richards, der weltweiten Reaktion auf den Sechstage-Krieg, dem ersten Konzeptalbum der Beatles „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, den Anti-Schah-Demonstrationen und der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg, den Notstandsgesetzen in Deutschland, dem Militärputsch in Griechenland, der Geburtsstunde des Satellitenfernsehens und zahlreichen wichtigen aber auch weniger wichtigen Ereignissen, die Kultur, Politik und Gesellschaft im Jahr 1967 beschäftigt haben

Flirrendes Kaleidoskop der Zeitgeschichte

Monat für Monat begegnet der Leser so den Helden und Anti-Helden der Politik, der Literatur, des Sports und der Pop-Musik. Als monatliche Konstante begleitet die Autorin die Familie des Bahnbeamten Kurt Drechsler als Repräsentantin der sogenannten kleinen Leute. Aus dem sorgfältig geführten Haushaltsbuch lässt sich entnehmen, wie ein normales bürgerliches Leben in die gesellschaftlichen Veränderungen eingebettet war. Insgesamt ergibt sich aus der Chronik des Jahres 1967, in der neben den großen Triebfedern auch die leisen Impulse Beachtung finden, ein flirrendes zeitgeschichtliches Kaleidoskop.

Das Jahr 1967 war trotz aller Irrungen und Wirrungen ein Wegweiser zur heutigen Toleranz-Kultur, die nun erneut Gefahr läuft abgewickelt zu werden. Der Untertitel des Buches „Das Jahr der zwei Sommer“ ist ein Hinweis auf den janusköpfigen Charakter des Jahres 1967. Denn sie fanden gleichzeitig statt: der „Summer of Love“, als die Hippie-Bewegung auf ihren Höhepunkt zusteuerte und Haight Ashbury in San Francisco ihr Zentrum war, und der „Long Hot Summer“, der für die schlimmsten Rassenunruhen steht, die die USA erlebt haben. 50 Jahre nach dem Jahr der zwei Sommer scheint es wieder um eine weltweite kulturhistorische Richtungsentscheidung zu gehen.

Bleibt noch anzumerken: Wer das Buch als Nachschlagewerk zu einer aufregenden Zeit nutzen möchte, dem hilft der umfangreiche Anhang. Neben dem Quellenverzeichnis gibt das Namensregister einen Überblick der Personen, die 1967 und in diesem Buch und in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten sind.

Buch-Angaben: Sabine Pamperrien, 1967 – Das Jahr der zwei Sommer, Verlag dtv, Hardcover, 280 Seiten, 24,- Euro.
Jacques Ziegler
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