BIT - Feuilleton Elegant groovend,   Jazz, CD
Julia Hülsmann Trio

Elegant groovend

Fein strukturierte Kompositionen in ein harmonisches und transparentes Melodiengewand einzukleiden, das ist die Handschrift des Julia Hülsmann Trios (Foto: Arne Reimer)

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Nun liegt das sechste ECM-Album mit einer ordentlichen Portion Groove vor. Julia Hülsmann, die in Berlin lebende Jazz-Pianistin, lässt sich für ihre Kompositionen gerne von lyrischen Werken inspirieren. So bildeten Dichtungen von E. E. Cummings, Emily Dickinson oder dem Songwriter Randy Newmann die Grundlage für etliche Werke ihres umfangreichen Oeuvres. Nach acht Jahren bei dem Renommier-Label ECM unter Vertrag hat die Ausnahmepianistin längst ihren eignen Stil gefunden: Einerseits schnörkelloses Pianospiel, das auf artifizielle Momente verzichtet, anderseits transparente Arrangements, die das Zuhören zu einem Ohrenschmaus machen. Ja, komplexe Kompositionen in einen warmen, harmonischen Sound zu transferieren, das gelingt dem Trio ganz famos. Hervorheben muss man aber auch, dass die Werkarbeit des Julia Hülsmann Trios stets in enger künstlerischer Abstimmung mit ihren kongenialen Partnern, dem Bassist Marc Muellbauer und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling, erfolgt. Alle drei steuern nicht nur Eigenkompositionen bei sondern sorgen gemeinsam dafür, dass der fein austarierte Rhythmus des Schlagzeugs ein harmonisches Farbenspiel bekommt, dass die ausgezirkelte Harmonik des Kontrabass sich in großer Klarheit und Transparenz offenbart und das Klavierspiel wohltemperiert die Stücke in Szene setzt.

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Erfrischen locker, charmant und lässig: der neue Star am Jazz-Himmel heißt Andrea Montis und vereint Trompete und Gesang auf hohem Niveau. (Abb.: CMS Source)
Das neue Album unter dem programmatischen Titel „Sooner and Later“ knüpft einerseits an die letzten fünf erfolgreichen ECM-Einspielungen an, geht aber auch neue Wege. Frei nach dem Zitat von Matthias Claudius „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, ließ das Trio die Erfahrungen zahlreicher Tourneen, die in die USA, nach Kanada, Peru, Zentralasien und China führten, in das aktuelle Werk einfließen. Konkret z.B. in dem Stück „Biz Joluktuk“, das auf die Komposition einer zwölfjährigen Geigerin aus Kirgisien zurückgeht.

Wer das Julia Hülsmann Trio live erlebt hat, wird einige Stücke des neuen Albums erkennen. So etwa „Thatpujai“ eine Hommage an die in den fünfziger Jahren in die USA ausgewanderte Jazz-Pianistin Jutta Hipp. Jazz-Kompositionen haben die Eigenschaft, sich weit über ihre Ursprungsform weiter zu entwickeln. Und so wird der Hörer über den Wiedererkennungseffekt hinaus bisher präsentierte Stücke völlig neu erleben. Neben den lyrisch anmutenden Kompositionen von Heinrich Köbberling und Marc Muellbauer überzeugen die vier Titel von Julia Hülsmann durch ihren fast schon an Club-Groovs erinnernde Motorik: „Al I Need“ ist eine neu arrangierte Coverversion von Radiohead, bei „J.J.“, „Soon“ und „Der Mond“ handelt es sich um Eigenkompositionen der Pianistin. Das sechste bei ECM erschienene Album des Julia Hülsmann Trios überzeugt durch cooles Pianospiel und starke, wunderbare Rhythmusästhetik. Label: ECM, 2017.

Jacques Ziegler
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