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BIT 02-2016

Geschäftsprozesse Digitaler Wandel Digitalisierung Auswirkung auf Arbeitsmärkte Prof. Dr. Bert Rürup, Gründungs- Präsidenten des Handelsblatt Research Institute (HRI) und langjähriger Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“, weist in der Online-Publikation HRI vom 29. Januar 2016 auf mögliche Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt hin: „Es ist unstrittig, dass die neuen informationstechnologischen Möglichkeiten über ein höheres Produktivitätswachstums und vor allem über zahlreiche preisgünstige neue digitale Produkte und Dienstleistungen das Wirtschaftswachstum gerade in reifen Volkswirtschaften anregen können. Ebenfalls besteht Konsens, dass durch die Vernetzung ‘intelligenter Maschinen’ zahlreiche Arbeitsplätze in der Produktion, den Verwaltungen der Unternehmen und des Staates, der Logistikbranche und nicht zuletzt im Banken- und Versicherungssektor entfallen werden. Für die USA schätzten Frey und Osborne in ihrer Analyse aus dem Jahr 2013, dass davon nahezu 50 Prozent der bestehenden Arbeitsplätze betroffen würden. Für Deutschland wurde vom ZEW Mannheim (2015) dieser Betroffenheitsgrad nur unwesentlich geringer veranschlagt. Noch völlig unklar ist allerdings, in welchem Maße solch ein Arbeitsplatzabbau durch einen Beschäftigungsaufbau in neuen, bislang nicht erkannten Geschäfts- und Berufsfeldern kompensiert oder gar überkompensiert wird. Als unbestritten großen Risiken der „Industrie 4.0“ gelten: • eine Polarisierung der Arbeitsentgelte, • eine Abnahme der Bedeutung des Normalarbeitsverhältnisses zugunsten befristeter Projekttätigkeiten und einer Beschäftigung auf freiberuflicher Basis sowie • ein Rückgang der Lohneinkommen zugunsten der Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit und der Kapitaleinkommen. Die Folgen wären, dass von den Gewerkschaften erkämpfte soziale Errungenschaften wie Kündigungsschutz, Arbeitszeitregeln und bezahlter Urlaub unter Druck geraten. Auch die Finanzierungsbasis unseres lohnbasierten Sozialversicherungssystems könnte erodieren und die Einkommensrisiken markant ansteigen. Reagiert die Politik nicht rechtzeitig auf die sich abzeichnenden Risiken, dann könnte die Digitalisierung schnell zu einem politischen Kampfbegriff verkommen.“ 34 | BIT 2–2016 insbesondere der Wettbewerbsdruck durch „digitale Player“, explizit aus dem Silicon Valley, früher oder später dafür sorgen. (Arnold Vogt im Experton-Newsletter 3/2016) BIT Führt der Weg von Industrie 4.0 und Internet of Things geradewegs zu neuen Geschäftsmodellen? Arnold Vogt Die Diskussion über neue digitale Geschäftsmodelle ist häufig sehr abstrakt. Daher möchten wir gerne anhand eines einfachen Beispiels wie Zahnbürsten erläutern, worum es geht. Industrieunternehmen haben für gewöhnlich ein „klassisches“ Geschäftsmodell und folgen der herkömmlichen industriellen Wertschöpfungskette. Zum Beispiel werden Zahnbürsten entwickelt, produziert, verkauft und schließlich vom Kunden benutzt. Wer jetzt darüber nachdenkt, durch I4.0 und IoT die Zahnbürstenproduktion zu optimieren, macht einfach die bestehende Produktion durch Vernetzung und Automatisierung effizienter und vernetzt auch noch die Zahnbürsten, um Daten über das Kundennutzungsverhalten zu sammeln und dadurch seine Forschung und Entwicklung zu optimieren. Wer „nur“ das tut, tut aber zu wenig, wenn der nächste Wettbewerber basierend auf den technologischen Möglichkeiten von Industrie 4.0/Internet of Things hergeht und sein Geschäftsmodell verändert, z. B. hin zur „Massenindividualisierung“. D. h. Zahnbürsten werden nur noch in Auflage 1 (mit individuellen Farben, Bürsten, Design, Namensgravur usw.) in einer individuellen und hoch automatisierten Massenfertigung hergestellt. Dieses Geschäftsmodell erfordert unbedingt eine Fokussierung auf Industrie 4.0, da Kunden sicher nur einen geringfügig höheren Gesamtpreis für eine individuelle Zahnbürste akzeptieren werden. (Arnold Vogt im Experton-Newsletter 3/2016) BIT Kann man durch „kunden - datenbasierte“ Geschäftsmodelle ganze Märkte verschwinden lassen? Arnold Vogt Bleiben wir beim Beispiel der Zahnbürsten. Wenn man zukünftig Zahnbürsten nicht mehr an Endkunden verkauft, sondern an Krankenkassen könnte genau dieser Effekt eintreten. Krankenkassen geben vernetzte Zahnbürsten dann gratis an ihre Kassenmitglieder aus und messen dafür das Zahnputzverhalten ihrer Kassenpatienten. Darüber wird durch die reine Kontrolle sicherlich schon ein positiver Effekt beim Putzverhalten festzustellen sein, und man kann die Krankenkassenbeiträge zur Zahnver - sicherung direkt an das Putzverhalten anpassen. Dadurch gibt die Krankenkasse sicherlich etwas mehr Geld bei der Zahnvorsorge aus (für die Zahnbürsten), kann aber dafür ganz andere Summen bei der Zahnheilbehandlung einsparen. Damit würde der Markt für Zahnbürsten in einem größeren Markt für Zahnheilbehandlung und - vorsorge quasi verschwinden. Dieses Modell ist durchaus realistisch, wenn man bedenkt, dass das Geschäftsmodell von Weight Watchers sogar darauf ausgelegt ist, dass Kunden sogar bereit sind, für die eigene Gewichtskontrolle (plus Tipps & Tricks zur Ernährung) zu bezahlen. (Arnold Vogt, Experton- Newsletter 3/2016) BIT Was muss in den Unternehmen geschehen? Heiko Henkes Viele Unternehmen befinden sich bereits auf der Reise der digitalen Transformation. Sie haben mit der Informationsgewinnung be - gonnen, tauchen tief in ihre Insights ein und starten das eine oder andere Leuchtturmprojekt rund um Industrie 4.0 oder Internet of Things. Nur das alleine wird nicht ausreichen, um ein neues digitales Geschäftsmodell ins Leben zu rufen. Parallel muss man sich mit den Mitarbeitern beschäftigen und ebenso an den Führungs- und Organisationsstrukturen arbeiten. Es gilt, die digitale DNA in der Unternehmenskultur zu implementieren und „Viele Unternehmen befinden sich bereits auf der Reise der digitalen Transformation.“ (Heiko Henkes, Experton-Group)


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