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BIT 01-2016

Stefan Sanktjohanser, Unternehmensberatung Goetzpartners: „Traditionelle Unternehmen, benötigen innovative Geschäftsmodelle, genügend Investitionsbereitschaft und echte Change-Maker- Persönlichkeiten, die den digitalen Wandel voran - treiben.“ BIT 1–2016 | 71 siert“, so fasste Karl-Heinz Land von der Strategieberatung Neuland, die zukünftige Entwicklung zusammen. Allerdings habe eine Vielzahl von Unternehmen die Bedrohung durch den digitalen Wandel noch nicht ver innerlicht. Der Referent, der sich selbst als „Digitalen Darwinist und Evangelist“ sieht, macht auf einen neuen Selektionsmechanismus aufmerksam. „Der digitale Darwinismus setzt immer dann ein, wenn sich Technologien und die Gesellschaft schneller verändern als die Fähigkeit von unternehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen.“ Wie nachhaltig sich z. B. die tra ditionelle Produktionsökonomie ver ändern wird, zeige der Trend zur Dematerialisierung von physischen Gebrauchsgegenständen. Karl-Heinz Land demonstrierte anhand eines Schlüssels die Demateralisierung einer kompletten Wertschöpfungskette. Bereits heute können Fahrzeuge oder Hotelzimmer per App mit dem Smartphone geöffnet werden. Damit werden über kurz oder lang viele Schlüssel, wie wir sie heute kennen, überflüssig. Sie müssen nicht mehr produziert werden und die Maschinen, die man dazu benötigt, müssen ebenfalls nicht mehr hergestellt werden. Das gleiche gilt für die Menschen, die mit der Schlüsselproduktion beschäftigt sind, sie werden dafür nicht mehr benötigt. Der Gedanke lässt sich bis in die Gesellschafts, Arbeits- und Sozialpolitik fortsetzen, wobei das Beispiel des herkömmlichen Schlüssels für viele, teilweise noch nicht erkannte Optionen einer digitalen Wirtschaft und Gesellschaft steht. Der Direktor des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO), Prof. Wilhelm Bauer, richtete den Fokus auf die anstehenden Umwälzungen im Arbeitsmarkt. „Es geht nicht nur um Technologie, sondern um Menschen und ihre Bedürfnisse.“ In der digitalen Ökonomie würden Büros zu „agilen Wissensräumen“. Während viele Aufgaben von Sachbearbeiter durch die zunehmende Automatisierung wegzufallen drohen, steigt in anderen Berufsfeldern der Druck zur Qualifizierung: „Wir werden eine neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen erleben. Selbst die Mitarbeiter in einer Fabrik müssen künftig über Digitalkompetenzen verfügen.“ Umwälzung steht bevor Wie sich heute schon fortschrittliche Finanzkonzerne für die Herausforderungen wappnen, machte der Axa- Konzern vor. „König Kunde entscheidet, welches Produkt er wann und zu welchem Preis über welchen Zugangsweg erwirbt“, betonte Alexandra van Aubel, CIO und Chief Digital Officer. Deshalb unterhält Axa ein Social Media Listening Center für das systematische Screening des Internets nach Meinungen oder Beschwerden und entwickelt mit Partnern aus der Startup-Szene Lösungen, die über das klassische Versicherungsgeschäft hinausgehen – z. B. die App Smart Parking für die Parkplatzsuche in Innenstädten. Auch die Bankenbranche steht in den nächsten Jahren vor einschneidenden Veränderungen – bedroht von ITKonzernen wie Google und innovativen Fintech-Startups. Die Deutsche Bank möchte „die Nummer eins im digitalen Banking“ werden, wie Jana Brendel, Head Of Digital Solutions, auf dem Event hervorhob. Dabei stützt sich das Unternehmen auf eine agile Softwareentwicklung, die fortlaufend das Feedback der Kunden berücksichtigt. So sollen die Release-Zyklen für digitale Produkte auf wenige Wochen reduziert werden. Die Ing-Diba betrachtet die Digitalisierung laut COO Zeljko Kaurin als „Game-Changer für die Branche“: „Der Kunde möchte mehr Kontrolle über seine Finanzen – transparent und convenient.“ Erwartet würden Realtime-Transaktionen und Serviceangebote über alle Kommuni - kationskanäle. Disruptive Business - ansätze von außen will das Unternehmen ebenso fördern: „Wir betrachten Fintechs nicht als Gefahr, sondern als Chance.“ Seit Juli unterhält die Bank eine eigene Plattform für Startups. Digitale Denkmodelle Mit intelligent vernetzen Konzepten befasst sich Lumir Boureanu, Geschäftsführer und CTO von Eurodata Tec. In Düsseldorf stellte er effiziente Lösungen für den Mittelstand vor, der in Sachen Digitalisierung häufig noch zu zurückhaltend ist: „Smart Services verstehen wir als Verbindung von physikalischen Produkten mit digitalen Dienstleistungen.“ Doch wo stehen die deutschen Unternehmen in puncto Digitalisierung überhaupt? Antworten gibt eine brandaktuelle Untersuchung von Lufthansa Industry Solutions, deren erste Resultate Bernhard Kube, Vice President Technology Consulting, auf der CeBIT Konferenz vorstellte. Demnach verfügen 33 Prozent der befragten Firmen aus den Bereichen Automobil, Logistik/ Transport und Industrie/Maschinen und Anlagenbau über eine digitale Gesamtstrategie. 62 Prozent besitzen sie nur für Teilbereiche. 5 Prozent befinden sich noch in der Planungsphase. Mit einer Problematik müssen sich freilich alle auseinandersetzen, die im Wettstreit um die Kunden von morgen mitmischen wollen: Momentan gibt es in der digitalisierten Welt keinen einheitlichen Rechtsrahmen. Jan Pohle, Rechtsanwalt und Partner der Intellectual Property und Technology Group, rät deshalb, rechtzeitig den Fokus auf rechtliche Fragen zu richten und keinesfalls erst kurz vor Torschluss die eigene Rechtsabteilung oder externe Berater in die Planungen miteinzubeziehen. Eines machte die Konferenz mehr als deutlich: Dank des Internets der Dinge wird schon in naher Zukunft vieles möglich, was noch vor wenigen Jahren wie ein Science Fiction-Szenario wirkte – von der smarten Datenbrille in der Fabrik über die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine bis zur Lieferdrohne für die Logistik. „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert, alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert“, so fasste Karl-Heinz Land von der Strategieberatung Neuland, die zukünftige Entwicklung zusammen.


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