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BIT 01-2016

50 Jahre BIT Jubiläums-Special 68 | BIT 1–2016 matisierung der Produktion durch Elektronik und IT in den vergangenen 100 Jahren immer wieder grundlegend verändert haben. Kennzeichen einer industriellen Revolution sind fundamentale Veränderungen, die nicht nur einen Teil einer Branche, Industrie oder Gesellschaft betreffen, sondern vielmehr alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens und der Ökonomie verändern und neu ordnen. Und so ist auch die Digitalisierung und Vernetzung mehr als ein technologischer Entwicklungssprung. Sie bildet ein neues kulturelles Umfeld für das Leben der Menschen und ihr Verhalten, wird die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, die Rechtspolitik und die Gesetzgebung beeinflussen und verändern. In den großen Verwaltungs- und Dienstleistungsbranchen werden es vor allem innovative Geschäftsmodelle und kundenorientierte Service- und Marketing-Strategien sein, die über den Wettbewerbserfolg mit dem Kunden bestimmen. Zu den derzeit attraktivsten Branchen für neue digitale Geschäftsmodelle zählen Finanzdienstleistungen rund um Banken und Versicherungen, im Gründerjargon „Fintech“ genannt. Allein in Deutschland tummeln sich schon rund 350 Start-ups in diesem Geschäftsumfeld, sagt Peter Lennartz, Partner und Start-up-Experte bei Ernst & Young, der Deutschen Presseagentur. Digitale Plattformen sprießen vor allem im vielfältigen Dienstleistungsmarkt wie Pilze aus dem Boden. „Die nächste Welle wird im Bereich Gesundheit kommen“, sagt der Unternehmensberater voraus. Kunde als Teil der Wertschöpfungskette So verhelfen Wearables, armbanduhrgroße Geräte, biometrische Daten ihrer Träger zu erfassen und per App an Versicherungen weiter zu leiten. Wer gesund lebt und sich viel bewegt, kann Geld sparen. Der Versicherer Generali hat kürzlich angekündigt, dieses Geschäftsmodell in Deutschland einzuführen. Daten gegen Rabatte, auch andere Versicherungskonzerne beschäftigen sich mit solchen Konzepten. In einem großen Wurf will der Allianz-Konzern die Digitalisierung vorantreiben und damit auch die Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern verbessern, wie Allianz-Chef Oliver Bäte kürzlich ankündigte. Mit digitalisierten Prozessen und neuen Online- Geschäften sollen bis 2018 zusätzlich zum normalen Wachstum weltweit fünf Millionen Neukunden ins Haus geholt werden und damit zusätzliche Beitragseinnahmen von jährlich 6,5 Prozent. Zugleich soll die Digitalisierung jährlich eine Milliarde an Kosten einsparen. In der Autoversicherungsbranche ist die Sparkassen-Direktversicherung als Pionier für Telematik-Tarife tätig. Ein zigarettenschachtelgroßes Gerät, im Auto angebracht, überwacht Fahrstil und Geschwindigkeit, Bremsen und Beschleunigen. Bei defensivem Fahrverhalten kann der Versicherte entsprechende Rabatte in Anspruch nehmen. Für die Autoversicherer gilt deshalb: Wer den Zugriff auf Daten der Kunden hat, kann Kfz-Policen maßschneidern und das Versicherungs - risiko in bisher nicht gekanntem Ausmaß minimieren. „Der Wettlauf um Kunden und Daten wird durch attraktive Angebote für Kunden entschieden“, sagt Carsten Schmidt-Jochmann vom Beratungsunternehmen Roland Berger, das kürzlich die Studie „Kfz- Versicherer müssen sich neu erfinden“ vorgestellt hat. Nur Versicherer, die die Datenkontrolle behalten und neuartige Policen anbieten, würden im Paradigmenwechsel der Branche zu den Gewinnern zählen. Durch die Vernetzung von Versicherungsunternehmen, den versicherten Objekten und den verbundenen Service-Prozessen entsteht ein digitales Ökosystem. Dadurch wird es den Versicherungsunternehmen ermöglicht, neue situative Produkte und flexible verhaltensbasierte Tarife anzubieten. Es entstehen völlig neue Geschäfts - modelle. Der vernetzte Kunde wird Teil der Wertschöpfungskette, seine Service- Ansprüche wachsen. „Wir erleben so gravierende technologische Veränderungen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr“. Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG Optimal vernetzt: Nach Marktuntersuchungen des Netzwerkgiganten Cisco rollt in den nächsten Jahren eine gewaltige Vernetzungswelle von Daten, Objekten, Prozessen und Menschen an. Abb.: Martin Jäger, pixelio.de


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