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BIT 01-2016

50 Jahre BIT Jubiläums-Special BIT 1–2016 | 67 Für Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser gilt der alte Glaubenssatz, dass der Große den Kleinen frisst und der Schnelle den Langsamen, längst nicht mehr. „Nicht die Schnellsten und Größten werden überleben, sondern die, die sich am besten ihrer veränderten Umgebung anpassen.“ Damit Großkonzerne im flinken Spiel der digitalen Newcomer mithalten können, beteiligen sie sich gerne an den Startups, wie es kürzlich auch Siemens tat. Die Erfolgspotenziale können jedoch nur realisiert werden, wenn die Kreativität und der Innovationsmut des jungen Teams nicht durch hierarchische Regelwerke eingeengt werden. Aber wenn selbst für Großkonzerne wie Siemens kein einziges Geschäftsfeld sicher ist und man sich nicht mehr auf seinen technologischen Vorsprung verlassen kann, wie steht es dann um die Wettbewerbsfähigkeit von mittelständischen Unternehmen? Nochmal Joe Kaeser im Spiegel: „Wir erleben so gravierende technologische Veränderungen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr“. Plötzlich und unerwartet Sie kommen wie aus dem Nichts, die neuen Wettbewerber für etablierte Unternehmen. Oft sind sie klein, smart und agil, ohne hierarchische Strukturen, aber mit verblüffenden Geschäftsmodellen. Facebook, erst 2004 gegründet, ist heute die größte Plattform für Inhalte ohne selbst Inhalte zu produzieren. Uber, 2009 gegründet, ist das weltweit größte Unternehmen für Fahrgastbeförderung, ohne eine eigene Fahrzeugflotte zu besitzen. Airbnb, 2008 gegründet und seither über 15 Millionen Übernachtungen vermittelt, ist der größte Anbieter von privaten Unterkünften, ohne selbst Immobilien zu bewirtschaften. In nur wenigen Jahren wuchsen diese Gesellschaften zu Milliardenunternehmen heran und sind gerade dabei, die Spielregeln in ihren jeweiligen Branchen grundlegend zu verändern. Die Geschäftsmodelle aller drei Unternehmen basieren auf Vernetzung ihrer Kunden. Treiber der Digitalisierung Vernetzung gehört neben mobilen Technologien, Cloud-Computing, Big Data Analytics, lernfähigen adaptiven Algorithmen und intelligenten Sensoren zu den technologischen Treibern der Digitalisierung. Nach Marktuntersuchungen des Netzwerkgiganten Cisco rollt in den nächsten Jahren eine gewaltige Vernetzungswelle von Daten, Objekten, Prozessen und Menschen an. So werden in der Industrie intelligente Sensoren dafür sorgen, dass vollautomatische Produktionsanlagen entstehen, die dazu noch selbst lernfähig sind. Für diese vierte industrielle Revolution hat man auf der Hannover Messe 2011 den Begriff Industrie 4.0 erfunden, in den USA ist von cyberphysikalischen Systemen die Rede. Die Vernetzung wird nach Prognosen von Cisco den Unternehmen weltweit über 14 Billionen Dollar an Einsparungen, aber auch Gewinne durch neue Geschäftsmodelle bescheren. Demzufolge soll sich die Anlagennutzung rationalisieren, die Mitarbeiterproduktivität steigern, die Zubehör- Versorgung optimieren, der Service enorm verbessern und die Innovationsfähigkeit zunehmen. So werden Unternehmen im Maschinenbau nicht nur Anlagen herstellen sondern auch hin zu Partnern und Zulieferern vernetzten. Bei der Maschinenfabrik Trumpf will man nach Angaben von Geschäftsführungsmitglied Peter Leibinger sogar Geschäfte für die Kunden vermitteln, weil man über die notwendige marktrelevante Datenbasis verfügt. Damit eröffnen sich völlig neue Perspektiven für das Unternehmen. Revolutionäre Dimensionen Für Andrew Anagnost, Marketingchef des auf CAD und Computeranimation spezialisierten Softwareunternehmens Autodesk, ist der Trend klar: „In sechs Jahren werden die Dinge radikal anders hergestellt als heute. Firmen mit digitaler Expertise übernehmen nicht nur im Internet, sondern auch in der Produktion die Macht“, verriet er der Stuttgarter Zeitung. Das gelte auch für die Automobilbranche. „Diese Firmen brauchen keinen der Prozesse mehr, die ein klassischer Autobauer anwendet. Sie haben eine rein digitale Infrastruktur – bei Design, Tests und bei der Produktion. Sie können Autos binnen Monate auf den Markt bringen, nicht in Jahren.“ Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Wertschöpfungsprozesse zu erweitern und anzureichern etwa mit einem Informationsnetzwerk zu Lieferanten, zu anderen Produzenten, zu Vertriebspartnern, zu Logistik-Service- Providern und zu eigenen und fremden Providern, wie es die Autoren Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land in ihrem Buch „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ eindrucksvoll darstellen. Zu Recht ist in diesem Zusammenhang von einer vierten industriellen Revolution die Rede, wie sie die Gesellschaft bereits nach der Erfindung der Dampfmaschinen, der Elektrifizierung und damit verbundenen arbeitsteiligen Massenproduktion, der Auto- „Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Wertschöpfungsprozesse zu erweitern und anzureichern.“ „Digitalisierung ist nicht nur eine Technologie, sie ist eine Waffe, um bestehende Geschäftsmodelle anzugreifen.“ Klaus Schmitz vom Beratungsunternehmen Arthur D. Little „Für kein Fertigungsunternehmen führt ein Weg an Industrie 4.0 vorbei.“ Heinz-Jürgen Prokop, Geschäftsführer bei Trumpf Werkzeugmaschinen


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