Page 35

BIT 01-2016

50 Jahre BIT Jubiläums-Special BIT 1–2016 | 35 für mich mehr als eine Technologie, es war ein Signal des Aufbruchs, ein Weckruf an die Führungsebene in den Unternehmen. Denn Deutschland erlebte in der ersten Hälfte der 90er Jahre die wohl schwerste Wirtschaftskrise seit 50 Jahren, wie Hans-Jörg Bullinger, der damalige Leiter der Fraunhofer Gesellschaft IAO auf der 12. Arbeitstagung des Instituts im November 1993 feststellte. Die Diskussionen um die Stärken und vielmehr noch um Schwächen des Industriestandortes Deutschland waren in Wirtschaft und Politik, in der Tagespresse und auf Branchentagungen in vollem Gange. Kosten, Qualität, Service und Produktivität wurden einer kritischen Analyse unterzogen. „In nahezu allen Unternehmen haben sich Strukturen verfestigt, die Kräfte binden, Innovationen verhindern und die flexible Anpassung an die Erfordernisse des Marktes erschweren“, resümierte ich in einem Editorial 1994. In Krisenzeiten wie diesen, haben neuen Management-Konzepte Konjunktur. Und so widmete sich BIT einer ganzen Sonderausgabe dem Hype um Business Reeingineering, einer Radikalkur zur Geschäftsprozess-Optimierung, zur kundenorientierten Neugestaltung ganzer Wertschöpfungsketten. Die konjunkturelle Talsohle spürte auch die Informations- und Kommunikationsbranche und die damit verbundenen Messen. Während die CeBIT als Flaggschiff der deutschen Investitionsgütermessen noch relativ ungeschoren davon kam, erwischte es von 1992 an die Orgatec in Köln und die Systems in München. Um ihrer Postionien zu halten experimentierten beide Veranstaltungen mit neuen Messekonzepten. Die Kölner Messemacher suchten ihr Heil in der Trennung der Ausstellungsbereiche – hier Bürotechnik, dort Büroeinrichtungen – und hofften auf die Summe zweier Besucher-Zielgruppen. Die Münchener setzten derweil auf die Integration der ehemals getrennten Bereiche Produktionssteuerung und Informationstechnologien und ließen ihre Systems fortan jährlich stattfinden. In der Dezember-Ausgabe von BIT stellte ich damals fest: „Wer nicht in die Regionalliga des Messegeschehens abgleiten will, sollte die Ressourcen auf klar definierte Kompetenzfelder fokussieren.“ Branche im Wandel Genau das taten wir wenig später mit der BIT. Denn von den Turbulenzen der Branche blieb auch BIT nicht verschont, zumal Anfangs der 90er-Jahre die Computerfachtitel wie Pilze aus dem Boden schossen und der damals neue Übertragungsstandard ISDN einige konkurrierenden Fachverlage zu Spezial-Publikationen veranlasste. BIT wurde damit von zwei Seiten in die Zange genommen. Das Thema Datenverarbeitung wanderte immer mehr in die Computerfachpresse und die Telekommunikation fand in den neuen ISDN-Titel eine neue publizistische Heimat. Gerade hatten wir aber erst den Bereich Telekommunikation im neuen BIT-Untertitel „bit – büro - organisation, informationstechnik, telekommunikation“ ausgewiesen. Auf der Suche nach einem neuen inhaltlichen Profil erging es BIT also ähnlich wie den beiden Traditionsmessen Orgatec und Systems: wir experimentierten. Unter dem neuen Unter - titel „BiT – Bürowelt im Trend“ mäanderte BIT zwischen Lifestyle fürs Büro und Geschäftsprozess-Management. Dazu gab es sechs Ausgaben, drei im angesagten Lifestyle-Groß - format, die sich dem Büroumfeld widmeten und drei Ausgaben im traditionellen A4-Zeitschriftenformat mit bürotechnischen Schwerpunkten. Dennoch kam die erfolgsverwöhnte BIT – abgesehen von dem Spitzenjahrgang 1994 – nicht richtig in Schwung. Die Konjunkturkrise erfasste den Büromöbelmarkt, den ich „Ich muss zugeben, von Datentechnik und EDV-Infrastrukturen hatte ich wenig Ahnung aber das Thema Workflow faszinierte mich.“ Erinnerung 1997 Harte Kontraste Auszüge aus dem BIT-Editorial 1997: „Das düstere Szenario draußen im Lande mochte nicht so recht passen zum sonnigen Konjunkturklima in den CeBIT-Hallen. Während die Kumpel an Saar und Ruhr ihre Sorge um drohende Arbeitsplatzverluste auf die Straße trugen und die Arbeitslosenstatistik im März sich auf die 5-Millionen-Grenze zu bewegte, zeigten sich die Aussteller bereits zu Halbzeit der weltweit größten Computermesse zufrieden mit dem Geschäftsverlauf … Kein Zweifel: die harten Kontraste zwischen Horrorund Erfolgsmeldungen spiegeln die Dynamik des Wandels von der Industrie zur Informationsgesellschaft, von der nationalen Volkswirtschaft zur Globalisierung der Märkte in seiner ganzen Dramatik wider. Und auch dies wurde deutlich: Moderne Informationstechnologien und Globalisierung der Wirtschaft sind zwei Seiten einer Medaille. Grenzenloser Informa - tionstransfer schafft die Voraussetzung zur Globalisierung der Märkte und das Innovationstempo der I+K-branchen treibt die Internationalisierung von Absatz- und Arbeitsmärkten voran … Auch die Ablösung der analogen Bürotechnik durch digitale Technologien kommt mit der Vernetzung und dem vernetzten Informationstransfer in eine neue Phase ... Dem Wandel der Technologien folgt der strukturelle Wandel, von dem kein Bereich – von der Volkswirtschaft bis zum einzelnen Arbeitsplatz – verschont bleibt.“ Die harten Kontraste zwischen Horror- und Erfolgsmeldungen spiegeln die Dynamik des Wandels von der Industrie zur Informationsgesellschaft wider.


BIT 01-2016
To see the actual publication please follow the link above