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BIT 05-2015

30 | BIT 5–2015 ECM World Veränderungen durch Cloud-Computing Der Cloud gehört die Zukunft Prof. Dr. Peter Buxmann, Technische Universität Darmstadt: „Ich würde bezweifeln, dass die Mehrheit der Unternehmen in der Lage ist, ihre Software sicherer oder besser zu betreiben, als es große Cloud-Anbieter können.“ Prof. Dr. Peter Buxmann von der Technischen Universität Darmstadt geht in seinem Vortrag darauf ein, wie Cloud-Computing die Softwareindustrie und IT-Landschaften verändert. Häufig hört man, dass Cloud-Computing mittlerweile ein alter Hut sei und es sich ja im Grunde genommen um nichts anderes als klassisches Outsourcing handelt. Das ist einerseits richtig – die ersten Veröffentlichungen zum Thema Cloud-Computing sind vor mehr als zehn Jahren entstanden und auch Angebote wie Application-Service Providing weisen große Ähnlichkeiten zu heute gängigen Software-asa Service-Lösungen (SaaS) auf. Andererseits versperrt die Sichtweise „das ist ja nichts Neues“ aber den Blick darauf, dass Cloud-Computing jetzt dabei ist, sowohl die Softwareindustrie als auch die IT-Landschaften in Unternehmen grundlegend zu ändern. Betrachten wir zunächst die Veränderungen in der Softwareindustrie: Die meisten Standardsoftwarehäuser bieten mittlerweile Cloud- bzw. SaaS-Lösungen an. Dabei stehen diese neuen Services häufig in Konkurrenz zu den eigenen etablierten Produkten. Diese Kannibalisierung wird dabei sogar durch Anreizsysteme forciert, da Vertriebsmitarbeiter so „incentiviert“ werden, dass sich für sie der Verkauf einer Cloud-Lösung mehr rentiert, als der eines etablierten On-Premises- Produkts. Dies ist insbesondere insofern bemerkenswert, als das Cloud-Geschäft – zumindest kurzfristig – weniger Umsätze und Rendite verspricht als das klassische Lizenzgeschäft. Dass der Cloud die Zukunft gehört und die neue Form des Bezugs von IT-Dienstleistungen sein wird, zeigen auch die sehr hohen Börsenbewertungen von Cloud- Unternehmen. Dennoch sind sie begehrte Kaufobjekte, wie die Vielzahl von Unternehmensübernahmen – beispielsweise durch SAP – in der letzten Zeit zeigt. Aus Sicht der Software-Industrie stehen also große Veränderungen bevor. Und wie sieht es bei den Kundenunternehmen aus? Auch hier wird sich allerhand ändern: Zunächst einmal werden die Anwender vermutlich von den (etwas) günstigeren Konditionen profitieren. Ich glaube zwar nicht an die von den Anbietern zitierten Beispiele, wonach die Total Costs of Ownership bei den Kunden auf (nicht um!) 10 Prozent der bisherigen Kosten fallen werden. Dennoch werden vermutlich signifikante Ersparnisse für die Anwender möglich sein. Daneben wird Cloud-Computing zu Flexibilitätsvorteilen führen. So wird es einfacher möglich sein, kurzfristig die Anzahl der Nutzer an die Erfordernisse des Unternehmens anzupassen. Daneben existieren weitere Vorteile, wie die schnelle Implementierbarkeit von Cloud-Lösungen, der Fokus auf Kernkompetenzen oder die einfache und moderne Bedienbarkeit, die fast alle Lösungen besitzen. Hinzu kommt die Möglichkeit eines ortsunabhängigen Zugriffs von unterschiedlichen Geräten. Ein weiterer Punkt, der für viele zu Beginn gar nicht so im Fokus der Entscheidung für die Cloud stand, ist die Verbesserung und Effizienzsteigerung der zwischenbetrieblichen Kooperation. Cloud-Computing wird darüber hinaus – ähnlich wie das beim klassischen Outsourcing bereits der Fall war – die IT-Abteilungen und die Rolle des CIO verändern. Hierbei werden sich die Anforderungen an die Mitarbeiter in den Unternehmen verändern. Der Stellenwert von reinen Technikern wird eher abnehmen; demgegenüber wird Know-how an der Schnittstelle zwischen IT, Management und Recht tendenziell an Bedeutung gewinnen. Auch das vieldiskutierte Thema ITSicherheit kann ein Argument für die Nutzung von Cloud-Angeboten sein. Natürlich werden Sicherheitsaspekte häufig als Grund dafür angeführt, nicht in die Cloud zu gehen. Ich persönlich würde aber bezweifeln, dass die Mehrheit der Unternehmen in der Lage ist, ihre Software sicherer oder besser zu betreiben, als es große Cloud-Anbieter können – denen die Bedeutung von Sicherheit als Wettbewerbsfaktor längst klar ist. Ist aus Sicht der Anwenderunternehmen also alles bestens? Vieles, aber nicht alles. Ein wichtiger Punkt, über den sich die Anwender bei der Entscheidung für eine Cloud- bzw. SaaSLösung stets im Klaren sein sollten, ist, dass es sich um eine Software mit einem sehr hohen Standardisierungsgrad handelt. Auch wenn die Anbieter natürlich das Gegenteil behaupten: Zurzeit sind die Anpassungs- bzw. Customizing-Möglichkeiten im Vergleich zu einer klassischen ERP-Software stark limitiert. Das bedeutet, dass sich die Anwender die zuvor dargestellten Vorteile, insbesondere Kosteneinsparungen sowie schnellere Implementierbarkeit, durch einen erheblichen Individualitätsverlust erkaufen. Es gilt aus Anwendersicht abzuwägen, in welchen Bereichen der Kundenunternehmen Software ein Differenzierungsmerkmal darstellen sollte. Für diese Prozesse ist die Cloud vermutlich nicht die beste Lösung – in hochstandardisierten, einfachen und weniger wettbewerbsrelevanten Bereichen hingegen in der Regel schon. Für die Softwarehersteller demgegenüber ist der Weg in die Cloud der einzig richtige. Die Softwareindustrie ändert sich – Anbietern, die das nicht erkennen, droht das Schicksal, wie wir es beispielsweise von Kodak kennen. Vortrag: Keynote, 16. September, 10.15 Uhr, ECM World. Ausblick


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