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Digitalisierung

Was geht, was kommt?

Digitaler Darwinismus, neue Geschäftsmodelle, Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, Entwicklungen, die unseren Alltag prägen: zwei der wichtigsten Bücher zum Mega-Thema Digitalisierung kommen derzeit von einem Autorenpaar, das ihre Forschungs- und Beratungstätigkeit ganz in den Dienst des digitalen Wandels stellt. Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land von dem Beratungsunternehmen Neuland. „Digitaler Darwinismus“ erschien bereits 2012 und zeigt, wie der stille Angriff auf etablierte Geschäftsmodelle und Marken funktioniert und was man daraus lernen kann.

Fotos

Roboterdame (Abb. Toshiba)
Das aktuelle Werk „Dematerialisierung“ trägt den Untertitel „Die Neuverteilung der Welt in Zeichen des digitalen Darwinismus“ und dürfte den derzeit umfangreichsten und tiefgründigsten Überblick des heutigen und zukünftigen Geschehens im Bereich Digitalisierung bieten.

Ausgangsthese ist die mit der Digitalisierung verbundene Dematerialisierung von Produkten, Services und ganzen Wertschöpfungsketten. „Keine technologische Veränderung der letzten Jahrzehnte – ob Mechanisierung, Industrialisierung oder Elektrifizierung – schneidet so massiv und nachhaltig in bestehende Strukturen, Prozesse sowie Lebensweisen ein, wie die durch Digitalisierung beförderte Dematerialisierung“, behaupten die Autoren und belegen dies an einer Fülle von konkreten Beispielen.

Der oben erwähnte und von Toshiba entwickelte Human-Roboter, der auf der Berliner Internationalen Tourismusbörse 2016 den Besuchern freundlich und kompetent Auskunft gibt, wie es auch eine menschliche Messehostesse sachlich kaum besser könnte, kommt in dem Buch nicht vor, dafür aber zahlreiche sehr konkrete Beispiele, wie Roboter heute und erst recht in Zukunft wertvolle Dienste in unterschiedlichen Bereichen leisten, im Dienstleistungsgewerbe, im Gesundheitsbereich, der Pflege, in Transport und Logistik, im Hotelgewerbe und in der Produktion sowieso. Die Sensortechnik und die künstliche Intelligenz etwa in Form von lernfähigen, adaptiven Algorithmen, treiben – neben Bigdata und dem Internet of Everything - diese Entwicklung entscheidend foran.

Karl-Heinz Land, Neuland Strategie und Transformationsberatung: „Fördert das Null-Grenzkosten-Phänomen die immer dramatischere Entwicklung neuer Geschäftsmodelle?
Dramatische Auswirkungen

Ausführlich widmet sich der Band der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, hebt in Merkboxen die wichtigsten Topics hervor, gibt in Think-Boxen eine Menge Denkanstöße zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Konzepten, bringt in Grafiken komplexe Zusammenhänge und Auswirkungen anschaulich auf den Punkt.

Kein Zweifel lassen die Autoren, an den dramatischen Auswirkungen auf die heutigen Wertschöpfungsverfahren. Wir erfolgt Wertschöpfung, wenn immer mehr Produkte und Dienstleistungen keine materielle Basis mehr benötigen? Wenn zur Bereitstellung eines Produktes deutlich weniger menschliche Arbeitskraft erforderlich ist und komplette Produktionsschritte entfallen? Wenn auch vorgelagerte Fertigungsphasen obsolet werden und wenn die damit verbundenen Vertriebs-, Service- und Verwaltungsaufgaben nicht mehr nötig sind?

Null-Grenzkosten-Phänomen

In diesem Zusammenhang wird das Modell der Null-Grenzkosten-Rechnung interessant. Die Autoren: „Ein zentraler Treiber im Wettbewerb um die Gunst der Kunden und die Erzielung von Gewinnen war und ist das Streben, laufend die Grenzkosten zu drücken. Was aber passiert wenn in bestimmten Industrien die Grenzkosten gegen Null gehen? Wenn dieser Treiber des Wettbewerbs entfällt? Und was passiert, wenn nicht nur dieser Wettbewerbsmotor wegfällt, sondern langfristig auch viele Millionen Arbeitsplätze, deren Wegfall die Ursache für die Null-Grenzkosten darstellen? Denn wenn die Grenzkosten für jedes Produkt „Null“ sind, wird hierfür auch keine menschliche Arbeitskraft mehr benötigt.“

Auch wenn diese Entwicklung kein realistisches Szenario für die Gesamtwirtschaft ist, so wirft die prinzipielle Überlegung ein Licht nicht nur auf Bereiche, in denen Null-Grenzkosten realiter eintreten, sondern auch auf Tendenzen der Grenzkosten-Reduzierung, wie sie die Digitalisierung mit sich bringt. Dieses betriebswirtschaftliche Phänomen kann nicht nur Renditewünsche wahr werden lassen sondern auch die dynamische Entwicklung neuer Geschäftsmodelle befeuern, weil auch die Kosten des Scheiterns dramatisch fallen.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Wie wichtig dieser Band nicht nur für die Unternehmen sondern auch für die Wirtschafts- Arbeits- und Sozialpolitik ist, zeigen zahlreiche Publikationen der letzten Wochen und Monate.

Das Thema Digitalisierung elektrisiert nicht nur die Fachwelt. Mittlerweile melden sich auch Wirtschaftswissenschaftler, zu Wort. Prof. Bert Rürup, vormals Vorsitzender des Rates der Wirtschaftsweisen, ebenso wie das Weltwirtschaftsforum in Davos und zahlreiche Studien nehmen sich des Themas an. Allen gemeinsam ist die Prognose, dass die Digitalisierung die Art wie wir arbeiten, leben, konsumieren, produzieren einem so tiefgreifenden Wandel unterwirft, der letztendlich auch die Grundfeste unseres Wirtschaftssystems erschüttern wird. So mahnt Prof. Bert Rürup in einer Publikation der Handelsblatt Research Institute (HRI): „Reagiert die Politik nicht rechtzeitig auf die sich abzeichnenden Risiken, dann könnte die Digitalisierung schnell zu einem politischen Kampfbegriff verkommen“. Eine im Januar 2016 erschienen McKinsey-Studie warnt vor „drohenden Arbeitsplatzverlusten in der Versicherungswirtschaft“. Die Wochenzeitung die ZEIT (21.1.2016) berichtet von einer Studie, die prognostiziert, „innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre seien Maschinen und Algorithmen in der Lage, 47 Prozent aller Jobs in den USA zu übernehmen“. In Gefahr seien nicht mehr bloß monotone Arbeitsplätze sondern Stellen in fast allen Branchen ob in der Finanzwirtschaft, in Behörden, Fertigungsbetrieben oder dem Dienstleistungsgewerbe. Das World Economic Forum in Davos 2016 fasst in einem eigenen Bericht zusammen: bis 2020 sind rund sieben Millionen Arbeitsplätze in den großen Industrieländern gefährdet, sowohl in der Produktion wie in den Verwaltungen. Microsoft-Chef Nadella geht davon aus, dass die konkreten Tätigkeiten sehr vieler Beschäftigter sich in den kommenden Jahrzehnten durch die Digitalisierung grundsätzlich verändern werden.

Wo und wie diese Veränderungen stattfinden werden, das zeigen Prof. Kreutzer und Karl-Heinz Land in dem Band „Dematerialisierung“ sehr eindrucksvoll und plausibel auf. Ausführlich und leicht nachvollziehbar wird der Einfluss der Digitalisierung auf die Wertschöpfungsmodelle dargestellt, eine Fülle von Beispielen für neue Geschäftsmodelle aufgeführt, wie sich die Arbeitsweise prinzipiell verändert, wie die verschiedenen Bereiche unseres Lebens davon betroffen sind, etwa die Mobilität, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft, Schule und Ausbildung, Büro und Administration, im Transportwesen und der Produktion. „Dematerialisierung“ ist kein alarmistisches, sondern ein immens wichtiges Buch.

Zum Buch: Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer, Karl-Heinz Land, Neuland Strategie- und Transformationsberatung: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. 200 Seiten, Broschur. Verlag FutureVisionPress, Köln, 2016.


Jacques Ziegler
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